Österreich verliert wertvolle Lernzeit, und zwar schon vor dem ersten Schultag.
Fast jedes vierte Kind beginnt die Volksschule als außerordentlicher Schüler, weil es dem Unterricht sprachlich nicht folgen kann. Fünf Jahre zuvor war es noch jedes sechste. Wer den Unterricht nicht versteht, fällt bald auch in den anderen Fächern zurück und trägt diesen Rückstand durch die gesamte Bildungslaufbahn – und oft ein Leben lang.
Ob ein Kind vor dem Schuleintritt ausreichend Deutsch spricht, ob es Förderangebote tatsächlich besucht und ob Bildung als Weg in die Selbstbestimmung gilt, entscheidet sich zu einem großen Teil nicht im Klassenzimmer, sondern zu Hause – am Küchentisch. Genau dort fehlt es häufig an Unterstützung. Manchmal wird Bildung sogar sabotiert.
Die Sprach- und Integrationsprobleme verlangen deshalb eine klare Regel: Eltern werden verbindlich in die Bildung ihrer Kinder eingebunden. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Wer Sprachfeststellung, Förderung oder Schulbesuch verweigert, trägt die Konsequenzen. Auch die Schule muss ihren Teil leisten. Heute setzt sie ihre Mittel eher für die Reparatur als für die Prävention ein und stellt ihre Ergebnisse zu wenig in den Mittelpunkt. Die Folgen tragen zuerst die Kinder, später die Unternehmen und der Sozialstaat. Österreich kann es sich nicht leisten, weitere Jahrgänge mit vermeidbaren Rückständen ins nächste Schuljahr zu schicken – und von dort in die fast sichere Sozialhilfe.
Die Schülerschaft hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Zwischen den Schuljahren 2006/07 und 2024/25 stieg der Anteil der Pflichtschüler mit nichtdeutscher Alltagssprache in Wien von 51,2 auf 65,9 Prozent; auch im restlichen Österreich hat er sich von 11,6 auf 20,9 Prozent beinahe verdoppelt. Mehrsprachigkeit ist an sich kein Problem. Entscheidend ist, ob ein Kind gut genug Deutsch kann, um dem Unterricht zu folgen.
Genau das misst der außerordentliche Status. Seit 2019 wird für all jene, wo diesbezüglich Zweifel bestehen, bundesweit einheitlich und verpflichtend mit der MIKA-D-Testung[1] festgestellt, ob der Sprachstand des Schulanfängers für den Unterricht ausreicht. Der Anteil der außerordentlichen Schulanfänger steigt seither Jahr für Jahr; unter Kindern ohne österreichische Staatsbürgerschaft liegt er inzwischen bei zwei Dritteln (siehe Abbildung 1).
Für diese Kinder scheitert ein geordneter Schulstart schon an der Unterrichtssprache. Sie verlieren wertvolle Lernzeit und der Unterricht wird für die ganze Klasse schwieriger. Dabei sind die Sprachbarrieren lange vor dem ersten Schultag bekannt: Im Kindergarten wird der Sprachstand bereits ab drei Jahren erhoben – allerdings nur bei Kindern, die eine Einrichtung besuchen. Am Erkennen scheitert es also nicht, sondern am Beheben. Deutschförderung muss deshalb früher beginnen, verbindlich sein und überprüfbare Fortschritte bringen. Sonst wird der Kindergarten zur verpassten Chance und die Volksschule zur Reparaturwerkstatt.
Bei PISA[2] 2025 erreichen mehr als jeder vierte 15-Jährige in Mathematik und Lesen nicht einmal Kompetenzstufe 2, den Mindeststandard für aktive gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe.[3]
Jugendliche mit Migrationshintergrund liegen dabei weiter zurück als Österreicher: in Mathematik um 47 Punkte, im Lesen um 53 und in den Naturwissenschaften um 64. Das sind zwei bis drei Schuljahre.[4]
Besonders schwer wiegt der Befund bei jenen, die bereits in Österreich geboren wurden. Auch Jugendliche der zweiten Generation schneiden deutlich schlechter ab als jene ohne Migrationshintergrund, die Differenz ist dabei auch größer als in anderen Ländern. In Mathematik liegen sie sogar hinter den Migranten der ersten Generation. Diese Kinder sind hier zur Welt gekommen. Ihr Rückstand lässt sich also nicht mit einem späten Zuzug erklären. Er ist Ausdruck verfehlter Integration in Österreich.
Integration ist keine Einbahnstraße. Der Staat muss Angebote machen, die Familien müssen sie annehmen. Beim Lernen helfen können nicht alle Eltern. Mitwirken können aber alle: indem sie dafür sorgen, dass ihr Kind regelmäßig Kindergarten, Schule und Förderung besucht. Genau daran hapert es. Kostenlose Förderangebote gibt es – gerade in den Städten – viele. Nur werden sie ausgerechnet von jenen nicht genutzt, die sie am dringendsten bräuchten. Während verpflichtende Förderungen häufiger von Kindern aus Haushalten mit geringerem Einkommen in Anspruch genommen werden, ist es bei den freiwilligen Angeboten anders. Hier steigt die Nachfrage nach Angeboten mit dem Einkommen. Gefördert werden also stärker jene, die es weniger nötig haben.[5]
Manchmal fehlt nicht die Möglichkeit, sondern der Wille. In einer Befragung des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) für den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) stimmten 23 Prozent der Befragten mit syrischem und jeweils 13 Prozent mit türkischem beziehungsweise bosnischem, kroatischem oder serbischem Migrationshintergrund der Aussage zu, Eltern sollte die berufliche Ausbildung von Burschen wichtiger sein als jene von Mädchen.[6] Solche Prioritäten verbauen Mädchen den Weg in die wirtschaftliche Selbstständigkeit.
Diese Haltungen wirken bis in die Klassenzimmer hinein. Die Ombudsstelle für Wertefragen und Kulturkonflikte hielt 2019 fest, dass Lehrerinnen von männlichen Jugendlichen wegen ihres Geschlechts nicht ernst genommen oder wegen ihrer Kleidung gedemütigt werden und dass in manchen Klassen großer Druck herrscht, bestimmte Kleidervorschriften einzuhalten.[7] Im Fastenmonat Ramadan sitzen erschöpfte Kinder im Unterricht; Schulpsychologen berichten zudem von Druck auf Mitschüler, ebenfalls zu fasten.
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