Bildung beginnt am Küchentisch

Warum wir die Eltern in die Pflicht nehmen müssen.

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Schulen mehr Freiheit geben, Ergebnisse einfordern

Schulen wissen am besten, was ihre Schüler brauchen. Sie bekommen deshalb mehr Freiheit und übernehmen dafür die Verantwortung für ihre Ergebnisse.

Freiheit gegen Rechenschaft

Schulen erhalten mehr Spielraum bei Personal, Budget und Unterrichtsorganisation. Im Gegenzug legen sie Rechenschaft über ihre Ergebnisse ab, gemessen an klar definierten Mindeststandards, die unabhängig vom Wohnort gelten. Schulen mit besonders großen Herausforderungen erhalten mehr Geld. In die Zuteilung gehen Sprachförderbedarf, Bildungsstand der Eltern und weitere nachgewiesene Belastungen ein. Der mit dem Schuljahr 2026/27 eingeführte Chancenbonus ist ein erster Schritt: 400 Volks- und Mittelschulen erhalten zusammen rund 65 Millionen Euro jährlich für zusätzliche Lehrer, Sozialpädagogen, Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen. Über den Einsatz entscheidet die Schule selbst. Sie dokumentiert die Ergebnisse, berichtet darüber und justiert nach, wenn die vereinbarten Lernfortschritte ausbleiben.

Vorbild ist die London Challenge. Im Zuge dieser britischen Bildungsreform wurden Schulen mit schwieriger Ausgangslage gezielt unterstützt und der Austausch zwischen ihnen systematisch gefördert. Standorte, die trotz Unterstützung nicht mithalten konnten, wurden geschlossen. Die Leistungen der Schüler verbesserten sich dauerhaft.[1] Für Österreich heißt das: Entscheidend ist nicht, ob mehr Geld fließt, sondern ob es ankommt. Dafür braucht jede Schule klare Ziele. Bleibt die Verbesserung aus, folgen wie in London personelle Konsequenzen durch die Entlassung einzelner Lehrkräfte – bis hin zur Schließung des Standortes.

Gute Lehrer belohnen, schlechte Leistung korrigieren

Wer die Leistung der Schüler misst, beurteilt auch die Arbeit der Lehrer: mit Unterrichtsbeobachtung, fachlichem Feedback, vereinbarten Zielen und einer Kontrolle der Fortschritte. In England wird das an den kommunal getragenen Schulen jedes Jahr durchgeführt. Bei Problemen gibt es zuerst Unterstützung, bei anhaltend unzureichender Leistung ein gesondertes Verfahren. Bis 2024 war der Aufstieg von der „Main Pay Range“ in die „Upper Pay Range“ sogar gesetzlich an die Beurteilung gekoppelt.[2]

Auch in Österreich müssen gute Lehrer in Zukunft bessere Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten bekommen. Bleibt hingegen die Leistung trotz Unterstützung dauerhaft unzureichend, sollte das dienstrechtliche Konsequenzen haben.

Offenlegen, wie die Schulen abschneiden

Im heutigen System lässt sich kaum nachvollziehen, ob Förderungen wirken. Österreich braucht vergleichbare Daten zum Sprachstand beim Schuleintritt, zu Lese- und Rechenkompetenzen, zu Lernfortschritt und Abschlüssen – und dazu, wer welche Förderung erhalten hat, was sie gekostet hat und wie regelmäßig die Teilnahme war. Das Bildungsministerium legt dafür gemeinsam mit Ländern und Bildungsdirektionen einheitliche Definitionen und Termine fest. Einmal im Jahr erscheint ein öffentlicher Bildungsbericht mit maschinenlesbaren Tabellen nach Bundesland, Schulart und Standort. Personenbezogene Daten bleiben geschützt.

Vorbild ist Skandinavien. Schweden, Finnland und Dänemark vergeben an jeden Einwohner eine lebenslange Personenkennziffer und verknüpfen damit Daten von der Bildung über Arbeitsmarkt und Steuern bis zu den Sozialleistungen, lückenlos ab der Geburt. Österreich hat ebenfalls eine Personenkennziffer, nutzt sie aber nicht bereichsübergreifend: Daten der Kindergärten lassen sich nicht einmal mehr mit jenen der Schulen verknüpfen; über das Jobprofil der Erwerbstätigen weiß man viel, über ihren Werdegang kaum etwas. Schweden führt zudem alle drei Jahrgangsstufen nationale Tests durch, wertet die Ergebnisse bis auf die einzelne Schule aus und veröffentlicht sie.[3]

Ein Vorher-Nachher-Vergleich zeigt noch nicht, ob eine Maßnahme wirkt. Fördermodelle werden deshalb unabhängig evaluiert: Welche zusätzlichen Lernfortschritte bringen sie, bei welchen Kindern und zu welchen Kosten? Ziele und Messverfahren stehen vor Beginn fest. Nach drei Jahren entscheidet eine Wirkungsprüfung über Fortführung, Anpassung oder Ende der Programme. Auch ausbleibende Erfolge werden veröffentlicht.

Das Bildungsgeld früher einsetzen

Die Reformen brauchen Personal und Geld, aber nicht zwangsläufig mehr. Vorrang hat die effizientere Verwendung der bestehenden Mittel: unwirksame Programme beenden, die Verwaltung vereinfachen und das Geld nach den tatsächlichen Aufgaben verteilen, auch in späteren Bildungsstufen. Wie falsch die Prioritäten liegen, zeigt die Ausgabenstruktur. Österreich gibt pro Kind in der frühen Bildung weniger aus als in der Sekundarstufe, Finnland und Dänemark setzen dagegen stärker auf die ersten Jahre (siehe Abbildung 3). Wer Rückstände früh behebt, muss sie später seltener teuer reparieren.

Tabelle mit Balken: Österreich liegt bei den Bildungsausgaben pro Schüler in der Primar- und Sekundarstufe auf Platz zwei von 21 EU-Staaten, in der frühkindlichen Bildung nur auf Platz sechs. Werte für 2023 in Euro (Kaufkraftparitäten), je Vollzeitäquivalent: Österreich gibt 15.988 Euro für frühkindliche Bildung, 16.482 für die Primarstufe, 19.380 für die Sekundarstufe und 15.989 für die Tertiärstufe aus. In der frühkindlichen Bildung liegen Luxemburg (28.584), Finnland (20.987), Dänemark (18.491), Schweden (17.935) und Deutschland (17.554) vor Österreich, am wenigsten gibt Irland aus (7.681). Luxemburg führt in allen vier Stufen. Quelle: Agenda Austria, OECD, WKO.

Abbildung 3: Ausgaben pro Schüler nach Bildungsstufe im EU-Vergleich, im Jahr 2023

Zusätzliche Plätze brauchen qualifiziertes Personal und wirksame Förderung. Beim Ausbau hat die frühe Bildung Vorrang. 2025/26 wurden 35,8 Prozent der unter Dreijährigen institutionell betreut. Eine hohe Besuchsquote allein ist noch kein Erfolg. Die öffentliche Hand nutzt dafür auch private und betriebliche Anbieter. Entscheidend sind Qualität und überprüfbare Leistungen, nicht die Eigentumsform.

Dabei geht es nicht um Milliarden. Die Sprachstandfeststellung auf alle Kinder auszuweiten, kostet großzügig gerechnet rund neun Millionen Euro im Jahr. Intensive Sprachförderung im Kindergarten für Kinder mit Förderbedarf kostet je nach Dauer 50 bis 90 Millionen Euro. Die schulische Förderung ist seit dem Schuljahr 2025/26 mit rund 108 Millionen Euro jährlich bereits weitgehend finanziert. Rund 13.000 Drei- und Vierjährige besuchen gar keinen Kindergarten; sie alle aufzunehmen, würde rund 150 Millionen Euro kosten, beschränkt auf Kinder mit Förderbedarf deutlich weniger.

In Summe geht es um rund 60 bis 255 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr. Das ist weniger als ein Prozent der staatlichen Bildungsausgaben von 29 Milliarden Euro beziehungsweise maximal sechs Prozent der Kosten der Kindertagesheime. Es ist deutlich weniger als die rund 700 Millionen Euro, die über Zukunftsfonds und Kindergartenmilliarde ohnehin jedes Jahr in die Elementarbildung fließen – und weniger als das Einsparungspotenzial, das die EU-Kommission kürzlich bei den Bildungsausgaben festgestellt hat.[4] Rechnet man die gesparten Folgekosten in Schule und Sozialsystem dazu, stellt sich nicht die Frage, ob sich Österreich diese Förderung leisten kann. Sondern nur, ob das vorhandene Geld dort ankommt, wo es den größten Unterschied macht. Die Bildungsausgaben müssen also nicht steigen, sondern nur effektiver verteilt werden.

Geld allein behebt die Rückstände aber ohnehin nicht. Der Staat kann Kindergartenplätze schaffen, Förderstunden finanzieren und gute Lehrer besser bezahlen. Den Weg in den Kindergarten, in die Förderstunde und in die Schule muss das Kind trotzdem jeden Tag antreten – und dafür sorgen die Eltern. Wer das verweigert, nimmt seinem Kind die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und schickt die Rechnung an die Allgemeinheit. Die Bildungspflicht gilt deshalb auch für Eltern. Sonst bleibt die Volksschule, was sie heute zu oft ist: eine Reparaturwerkstatt.


Fußnoten

  1. Vgl. Demie (2023). ↩
  2. Vgl. https://www.gov.uk/government/publications/teacher-appraisal-and-capability-model-policy. ↩
  3. Vgl. https://www.skolverket.se/statistik-och-utvarderingar/statistik-om-forskola-och-skola/fler-statistiknyheter/statistik/2024-11-29-ny-statistik-om-nationella-prov-i-grundskolan. ↩
  4. Vgl. Europäische Kommission (2026). ↩
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