Argentinisches Souvenir

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Was Österreich vom Projekt „Afuera“ lernen kann. Lernen muss.

Die Kettensäge in Wien: Wie viel Milei braucht Österreich?

Am Abend des 24. September 2025 betritt ein freundlicher Herr das Podium der vollbesetzten, ganz in Marmor gehaltenen Aula der Universität Zürich. Würden Sie ihm beim Bäcker begegnen oder würde er sich in der Straßenbahn neben Sie setzen, würden Sie keinen Gedanken daran hegen, dass er zu den Architekten eines der gewagtesten ökonomischen Experimente der an gewagten ökonomischen Experimenten nicht gerade armen Geschichte Lateinamerikas zählt. Sein Name: Federico Sturzenegger.
 
Sogar vielen Argentiniern dürfte der Name zunächst fremd gewesen sein, als er 2024 Ministro de Desregulación y Transformación del Estado wurde. Und das, obwohl der Ökonom davor auch schon ein paar Jahre im argentinischen Parlament gesessen war und die Zentralbank geleitet hatte. Doch seinen Chef kennt wohl jeder: Javier Milei. Der mit der Kettensäge.
 
An jenem Abend in Zürich berichtet Sturzenegger fast schon im Plauderton von der Lage, in der sie das Land vorfanden. Von den erdrückend hohen Staatsausgaben, den fetten Institutionen des Staates und der Überregulierung der Wirtschaft. Er präsentiert das Reformprogramm Mileis, das aus zwei Schwerpunkten besteht: Erstens die Konsolidierung des Staatshaushalts, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Und zweitens eine umfassende Deregulierung, um neue Wachstumsimpulse zu entfachen.

So ökonomisch plausibel das Ganze ist, so polarisierend ist Mileis Auftreten. Die einen hassen ihn seit Tag eins – die anderen beten ihnals den neuen Messias an. Erst kürzlich sind zwei Kommentare in deutschen Zeitungen erschienen, die zwei völlig unterschiedliche Versionen von Argentinien beschreiben. In der Zeit lässt man kein gutes Haar an Mileis Reformen und beklagt die Zerstörung der industriellen Basis des Landes[1]. Von der anderen Seite des politischen Spektrums folgte die Antwort wenige Tage später in der Berliner Zeitung. Ja, es stimme schon. Teile der Industrie gingen nun in die Brüche. Aber so marode und korrupt, wie sie waren, sollte man ihnen keine Träne nachweinen[2].

Bei all dieser Polarisierung ist die Agenda Austria wie gewohnt Ihre zuverlässige Weltversteherin. Wir hören Sturzenegger gut zu und wollen herausfinden, was seine Worte für uns in Österreich bedeuten. Viele Probleme Argentiniens haben wir nämlich auch. Im Unterschied zu Argentinien haben wir aber noch die Wahl, ob wir morgen die Kettensäge brauchen oder ob heute noch die Heckenschere reichen würde. Wenn man einen wie Milei riskieren muss, hat man schließlich schon Jahrzehnte der Misswirtschaft hinter sich.

Einmal Argentinien und zurück

Der Weg vom ersten Husten zum chronischen Dauerpatienten ist nicht weit. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Argentinien eines der reichsten Länder der Erde, bevor es anfing, von einer Malaise in die nächste zu rutschen. Die Inflation galoppierte, Währungen kamen und gingen. Die Argentinienkrise mit dem Staatsbankrott von 2001 sollte als größter staatlicher Zahlungsausfall aller Zeiten in die Geschichte eingehen.
 
Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte – und um damit auch um Mileis Reformkurs zu verstehen –, müssen wir bei Präsident Juan Domingo Perón beginnen. Er steht wie kein anderer für alles, was in Argentinien schiefläuft. Dabei war es zunächst einmal ein klarer Industrialisierungskurs, den er seinem Land ab 1946 verordnete. Perón subventionierte inländische Betriebe und schirmte sie mit hohen Importzöllen gegen den Wettbewerb ab. Er brachte große Teile der Wirtschaft unter staatliche Kontrolle und trieb die Sozialausgaben in lichte Höhen. Er frönte dem Korporatismus, indem er die Gewerkschaften an sich band und über sie Macht ausübte. Die Zinsen waren künstlich niedrig, die staatlichen Banken vergaben Kredite, wie und wohin Perón es wünschte. Die Notenbank druckte auf Hochtouren. Kapitalausfuhr- und Devisenkontrollen hielten das Geld im Land. Die Inflation galoppierte.

Perón ist tot. Doch sein Geist weht bis heute durch die argentinische Politik. Bis auf gelegentliche Reformversuche ist es der Peronismus, der das wirtschaftliche Denken in Argentinien bis heute prägt[3]. Die Argentinier haben davon offensichtlich die Nase voll. Bei den Präsidentschaftswahlen 2023 wählten sie Javier Milei, der angetreten war, um gründlich aufzuräumen. Im vergangenen Jahr – während sich die europäischen Medien noch immer an Milei abarbeiteten – bestätigten sie seinen Kurs überraschend deutlich. Seine Partei La Libertad Avanza (LLA) erhielt über 40 Prozent der Stimmen und gewann die Parlamentswahl.


Fußnoten

  1. 1 https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-04/argentinien-javier-milei-wirt-schaftspolitik-buerokratieabbau-deregulierung
  2. 2 https://www.berliner-zeitung.de/article/mehr-milei-wagen-die-bi-lanz-ist-hervorragend-10031991
  3. 3 Vgl. z.B. Kleinheyer und Schnabl, 2025
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