Seniorenbund-Chefin Ingrid Korosec wirft der Agenda Austria vor, mit „gekünstelten Vergleichsrechnungen“ Alarm zu schlagen. Welche Zahl falsch sein soll, sagt sie nicht. Gehen wir die Kritik durch.
Eine normale Pensionskasse muss eine schlichte Frage beantworten: Wie viel Geld müsste am Tag des Pensionsantritts zur Seite gelegt sein, um die Pension bis zum Lebensende auszahlen zu können? Unsere gesetzliche Pensionsversicherung ist zwar keine normale Pensionskasse; im Umlagesystem liegt genau genommen überhaupt kein Geld. Doch der Logik kann sie sich trotzdem nicht entziehen. Wenn wir immer länger leben aber nicht länger arbeiten wollen, dann reichen die Einzahlungen nicht, um die Auszahlungen zu decken. Männer beziehen ihre Pension heute 21 Jahre lang statt 13,9 wie noch im Jahr 1970; Frauen 25,6 Jahre statt 18,7. Daher ist dieselbe Pension heute um rund ein Drittel mehr wert als 1970. Man nennt das Barwertrechnung. Wer es „gekünstelte Vergleichsrechnung“ nennt, versteht nicht, wie Pensionssysteme funktionieren.
Frau Korosec spricht von 36 Milliarden Euro an staatlichen Pensionskosten. Dieses Jahr dürfte die Finanzierungslücke im Pensionssystem rund 34 Milliarden Euro erreichen. Über die Größenordnung sind wir uns also einig. Nicht so bei den Ausgaben: Dort sollen 8,2 Milliarden nicht mehr als Pensionskosten aufscheinen, darunter die Ausgleichszulage, wie Frau Korosec meint; das ist, grob vereinfacht, die Mindestpension. Wen will man davon überzeugen, dass das keine Pension ist? Und selbst wenn man alles herausrechnet, bleiben 26 Milliarden Euro übrig, allein 13,9 Milliarden davon für Beamtenpensionen.
Ob 34 oder 36 Milliarden: Gefährlich ist vor allem das Tempo, mit dem die Schieflage größer wird. Im Jahr 2019 lag der Zuschuss zu den Pensionen aus dem Bundesbudget bei 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung, heute bei rund sechs, 2034 werden es 6,8 Prozent sein. Danach sinkt der Zuschuss nur leicht und bleibt über dem heutigen Niveau.
Bleibt das faktische Antrittsalter. Hier sind wir uns einig: Es muss steigen. Das faktische Antrittsalter liegt heute unter dem Niveau von 1970; und das bei zehn Jahren mehr Lebenserwartung! Frau Korosec rechnet selbst vor, dass ein zusätzliches Arbeitsjahr circa drei Milliarden Euro pro Jahr sparen würde. Deshalb sollte das gesetzliche Pensionsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Der befürchtete Verschiebebahnhof von der Frühpension in die Arbeitslosigkeit ist kein Grund, das nicht zu tun. Es ist vielmehr ein Grund, Invalidität und Arbeitslosigkeit gleich mitzureformieren.
Und die Zeit drängt: Heute kommen auf einen Menschen über 65 rund drei Personen im erwerbsfähigen Alter, 2050 sind es nur mehr zwei. Der Bundeszuschuss wächst um rund zwei Milliarden Euro pro Jahr, und mit jedem zusätzlichen Pensionsjahrgang steigen auch die Kosten für Gesundheit und Pflege. Dort lässt sich kaum gegensteuern. Im Pensionssystem schon. Eine Koppelung an die Lebenserwartung wirkt in Monatsschritten: Wer sie heute beschließt, merkt kaum etwas davon. Wer sie aufschiebt, braucht später ganz große Sprünge.
Verunsicherung entsteht nicht durch richtiges Rechnen. Sie entsteht durch Versprechen, die nicht zu halten sind.
(Erstmals erschienen am 10. Oktober 2026 in “Kurier”)
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