Im verbissenen Kampf gegen rechts wurde auf die Gefahr von links vergessen. Wohin das führt, zeigt sich gerade in New York und in Berlin.
In New York regiert ein muslimischer Sozialist, 25 Jahre nach den islamistischen Terroranschlägen von 9/11. In Berlin sind die Erben der SED seit vergangenem Sonntag die stärkste Kraft, keine vierzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR. Leonard Cohen war ein Prophet: „First we take Manhattan, then we take Berlin“. In seinem Song von 1988 beschreibt Cohen einen kompromisslosen Eiferer, der sich von höheren Zeichen geleitet sieht und frei von allen Zweifeln ist. Mit kompromisslosem Eifer konnten sowohl Zohran Mamdani in New York wie auch Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp in Berlin punkten. Kleiner Funfact: Mit Morris Katz hatten beide denselben Wahlkampfstrategen. Die Stoßrichtung war so klar wie erfolgreich: bezahlbare Mieten für die breite Masse.
Man muss nicht Kommunist sein, um bezahlbaren Wohnraum für eine gute Sache zu halten. Dass aber ausgerechnet den Linken die Lösung des Problems anvertraut wird, ist ungefähr so, als ließe man sich vom Hagel die Ernte versichern. Schließlich war es die Linke, die in der rot-rot-grünen Koalition den Mietendeckel durchdrückte. Mit dem Ergebnis, dass das Angebot an Mietwohnungen um 60 Prozent zurückging. Jetzt wollen die Neokommunisten private Wohnungskonzerne „vergemeinschaften“. Für knapp 243.000 Wohnungen sollen bis zu 36 Milliarden Euro locker gemacht werden. 36 Milliarden Euro dafür, dass keine einzige neue Wohnung auf den Markt kommt. Ganz im Gegenteil: Der Neubau ist um 35 Prozent eingebrochen. Wer investiert schon gerne in die drohende Enteignung?
Das linke Programm geht aber weit über leistbares Wohnen hinaus: kostenlose Schwimmbäder, billigere Öffi-Fahrkarten, günstigeres Kantinenessen, schnellere Einbürgerungen, Asylstatus ab Tag eins, Grundeinkommen für alle, 75 Prozent Spitzensteuer, saftige Vermögensteuern. Garniert wird das alles mit einer gehörigen Portion Antisemitismus, der vor allem bei jungen Linken hervorragend anzukommen scheint. Klar, niemand ist heute noch bekennender Antisemit. Heute ist man überzeugter „Antizionist“, leidenschaftlicher „Free-Palestine“-Aktivist und für ein judenfreies Israel „from the river to the sea“. Die gezielte Auslöschung des weltweit einzigen Judenstaates, vorgetragen als Solidaritätsbekenntnis.
Der Kampf gegen Israel ist längst auf den Berliner Straßen gelandet, antisemitische Anfeindungen gehören für Juden zum Alltag. Im aktuellen „ZEITmagazin“ beschreibt Chefredakteur Sascha Chaimowicz die Einschulung seines Sohnes. Die Familienberatung rät davon ab, das Kind in Kreuzberg einzuschulen, in der linken Hochburg der Stadt komme es immer wieder zu Mobbingfällen gegen jüdische Schüler. Sie empfiehlt den Westen der Stadt, Charlottenburg etwa. Oder eine katholische Privatschule, die jüdische Kinder aus Schutzgründen aufnimmt. Der Nahe Osten ist näher, als man denkt.
Die Berliner Linke bietet nicht nur dem enthemmten Antisemitismus eine neue politische Heimat, sondern auch kriminellen Großfamilien. In Neukölln tauchte ein stadtbekannter Clanchef auf der Wahlparty der Linken auf. Er fühle sich zum ersten Mal in Deutschland von einer Partei verstanden, wie er sagte. Das kann ihm niemand verübeln, immerhin will die Linke die Befugnisse der Polizei beschränken, den Verfassungsschutz auflösen und alle Waffenverbotszonen aufheben.
Während Elif Eralp den „Sieg der Liebe und Gerechtigkeit über den Hass“ zelebriert, sehen Anhänger ihrer Partei die Zeit für Säuberungen gekommen. Auf der Strategiekonferenz der Linken im Februar 2020 in Kassel meinte eine Delegierte, dass die Energiewende auch nach der Revolution noch nötig sei. Denn selbst wenn man das eine Prozent der Reichen erschossen habe, wolle man ja noch heizen. Verständlich, wer will nach der harten Exekutionsarbeit in der kalten Stube hocken? Wobei der damalige Parteichef Bernd Riexinger umgehend einschritt: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie schon für nützliche Arbeit ein.” Gelächter im Publikum.
Man stelle sich eine Szene auf dem Parteitag einer AfD oder FPÖ vor, an dem ein Delegierter die Erschießung eines Prozents einer Bevölkerungsgruppe ankündigt und der Vorsitzende dafür plädiert, die Betroffenen doch lieber zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Die Republik stünde still, eine Sondersendung jagte die andere, Lichterketten würden organisiert und Verbotsdebatten geführt. Zu Recht. Im Falle der Linken ist das salonfähig. Vielleicht wäre es an der Zeit, den Kampf gegen links mit derselben Verve zu führen wie jenen gegen rechts. Damit es bei New York und Berlin bleibt.
(erstmals erschienen am 26.09.2026 in “Die Presse”)
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