Der Equal Pension Day liefert jedes Jahr Schlagzeilen und Empörung. Für eine sachliche Debatte über Pensionen taugt er nur bedingt.
Innenpolitisch verläuft der Sommer üblicherweise recht ruhig. Eine geradezu ideale Gelegenheit für die AK, ÖGB und Städtebund mit zugespitzten Berechnungen zu den vermeintlich riesigen geschlechtsspezifischen Pensionsunterschieden mediale Empörung zu erzeugen. Die Debatten rund um den sogenannten „Equal Pension Day“ haben zweifellos Symbolkraft. Inhaltlich drehen sie sich jedoch seit Jahren im Kreis. Der Ruf nach Gerechtigkeit ist berechtigt. Ein nüchterner Blick auf die Fakten zeigt aber, dass diese weitgehend bereits herrscht.
Hinter der plakativen Aussage, Männer hätten am „Equal Pension Day“ – heuer österreichweit am 9. August – bereits so viel Pension erhalten wie Frauen im gesamten Kalenderjahr, verbirgt sich eine deutlich komplexere Faktenlage. So stützen sich die Berechnungen ausschließlich auf Daten der Pensionsversicherung. Beamten-, Betriebs- und Auslandspensionen bleiben ebenso unberücksichtigt wie die Tatsache, dass es sich um Durchschnittswerte aller Pensionistinnen und Pensionisten handelt – und nicht um jene der Neuzugänge. Würde man ausschließlich die Pensionseintritte des Jahres 2025 vergleichen, fiele der Equal Pension Day auf Anfang September. Berücksichtigt man zusätzlich die höhere Lebenserwartung von Frauen und damit ihre längere Bezugsdauer, verschiebt sich das Datum ans Monatsende.
Ebenso selten wird erwähnt, wie stark der Pension Gap der Neuzugänge bereits gesunken ist. Trotz der strukturellen Unterschiede verringerte er sich innerhalb von weniger als zehn Jahren von über 45 Prozent auf 32,4 Prozent im Jahr 2025; Tendenz weiter fallend. Das häufig suggerierte Null-Prozent-Ziel ist angesichts unterschiedlicher Erwerbsverläufe weder realistisch noch automatisch Ausdruck größerer Gerechtigkeit. Langsam aufweichende Rollenbilder haben dazu beigetragen, dass Diskriminierung am Arbeitsmarkt heute zur Ausnahme geworden ist. In vergleichbaren Berufen verdienen gleich qualifizierte Frauen und Männer dasselbe Vollzeitgehalt.
Ähnlich verkürzt wird über die schrittweise Anhebung des weiblichen Pensionsantrittsalters berichtet. Zwar ist die Arbeitslosigkeit der über 60-jährigen Frauen gestiegen, gleichzeitig nahm die Beschäftigung aber deutlich stärker zu. Rund 90 Prozent des zusätzlichen Arbeitskräfteangebots wurden vom Arbeitsmarkt aufgenommen.
Die dramatisierende Darstellung verstellt den Blick auf die eigentlichen Herausforderungen. Die größte Hürde für höhere Erwerbsanreize (und damit langfristig auch für höhere Pensionen) sind heute nicht geschlechtsspezifische Unterschiede, sondern die hohe Belastung des Faktors Arbeit. Wer über Gerechtigkeit spricht, darf über Steuerpolitik nicht schweigen. Denn, ganztägig qualitative Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und gutes Gehalt hin oder her, den Großteil seines erarbeiteten Geldes an Steuern wieder abgeben müssen, demotiviert. Nicht nur Frauen.
Hinzu kommt der demografische Wandel. Um den ins Wanken geratenen Arbeitsmarkt auszutarieren und das Potenzial künftig besser auszuschöpfen, wird auch über ein weiter steigendes gesetzliches Pensionsantrittsalter zu diskutieren sein. Der Arbeitsmarkt kann ältere Beschäftigte nicht nur aufnehmen, er wird sie künftig auch dringend benötigen. Ein Pensionsalter von 65 Jahren ist in einer Gesellschaft, in der viele erst mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig ins Berufsleben einsteigen und die Lebenserwartung längst auf über 80 Jahre gestiegen ist, auf Dauer nicht tragfähig.
Solche Strukturreformen sollten wir diskutieren. Und nicht, wie sich mit verkürzten Vergleichen möglichst drastische Bilder erzeugen lassen.
(Erstmals erschienen am 07. August 2026 in “Die Presse”)
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