Die aktuelle Nächtigungsstatistik lässt vermuten, dass im österreichischen Tourismus wieder Milch und Honig fließen. Doch inflationsbereinigt liegt die Wirtschaftsleistung der Branche noch immer unter dem Wert von 2019.
Während die Österreicher in diesen Tagen nach dem Sommerurlaub allmählich wieder an die Fließbänder und Schreibtische zurückkehren, kommt eine Meldung der Statistik Austria nicht überraschend: Der österreichische Tourismus feiert fröhliche Urständ. Die erste Hälfte der Sommersaison ist in den Büchern und sie brachte mehr Nächtigungen als je zuvor. Das dürfte sich mit den Erfahrungen jener decken, die ihren Urlaub im Inland verbracht haben. Die Gasthäuser sind voll; Unterkünfte bucht man am besten gleich schon für 2027 vor.
Kaum eine Branche wurde durch Corona und Teuerung so durchgerüttelt wie der Tourismus. Selbst nach drei Jahren Rezession sind Servicekräfte schwer zu finden und noch schwerer zu bezahlen. Hohe Preise für Energie, Lebensmittel oder Kaffee kommen noch dazu. Immer wieder als Inflationstreiber verschrien, blieb vielen Betrieben gar nichts anderes übrig, als ihre Preise kräftig zu erhöhen. In heimischen Restaurants und Hotels zahlt man inzwischen um die Hälfte mehr als noch 2019. Tatsächlich entfällt ein erheblicher Teil der nun wieder steigenden Inflationsrate auf diese Branchen.
Zum Glück lassen sich die hohen Preise am Markt ganz gut unterbringen, weil die Österreicher – üppige Lohnabschlüsse und Hilfspakete sei Dank – genug Geld in der Tasche haben. Doch wie lange werden ausländische Touristen noch bereit sein, jeden Preis für die österreichischen Berge und Seen zu bezahlen? Zumal die Löhne weit und breit nicht so stark gestiegen sind wie hierzulande. Für die Tourismusbranche gilt dasselbe, was für die exportorientierte Industrie auch gilt: Wir laufen Gefahr, uns aus den Märkten zu preisen. Besucht ein Niederländer ein Hotel in Kärnten, dann ist das aus österreichischer Sicht ein Dienstleistungsexport. Steigen die Preise bei uns schneller als die Kaufkraft unserer ausländischen Kunden, dann könnte es uns bald ergehen wie den Griechen. Weil sie in den Nuller Jahren zwar dasselbe Meer anzubieten hatten wie die Türken und die Kroaten, aber viel mehr dafür verlangten, blieben die nordeuropäischen Sonnenanbeter bald aus. Auch zum österreichischen Tourismusstandort gibt es nahe Substitute. Nun ist die Schweiz natürlich immer noch viel teurer. Aber Slowenien?
Doch die heimische Lohnentwicklung sollten wir im Blick haben. Gerade in den arbeitsintensiven Dienstleistungsbranchen haben die sagenhaften Lohnabschlüsse der letzten Jahre Spuren hinterlassen. Um über acht Prozent würden die Tariflöhne hierzulande sinken müssen, um die in den letzten fünf Jahren aufgerissene Lücke zur Eurozone wieder zu schließen. Die Messlatte liegt also tief, wenn der österreichische Tourismus die anstehenden Lohnverhandlungen überleben soll.
Gastkommentar von Jan Kluge , “Kurier” (30.8.2025)
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