Wie man 1,7 Millionen Arme erfindet

Würde man jedem Haushalt eine Million Euro vor die Tür legen, wären genauso viele Menschen ARMUTSGEFÄHRDET wie am Tag zuvor.

Unlängst erschütterte eine schreckliche Nachricht das ganze Land: Knapp 1,7 Millionen Menschen sind armutsgefährdet und stehen vor dem Absturz ins Nichts. Und das, obwohl der Staat 31,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die soziale Sicherheit seiner Bevölkerung ausgibt und damit mehr als jedes andere Land der Welt. Dennoch grassiert die Armut in Österreich, wie uns Caritas, Volkshilfe & Co. mit bedrückten Gesichtern erklären. Die Medien berichten großflächig, und die Politik verspricht, mehr zu tun. Während die Armut ungeachtet aller Bemühungen hartnäckig hoch bleibt.

Was in den meisten Berichten unerwähnt bleibt: Die Armutsgefährdung ist keine Messung von Armut. Sie ist eine Messung von Ungleichheit, eine ziemlich grobe noch dazu. Armutsgefährdet ist nicht, wer hungert oder friert, sondern wer nach Steuern und Sozialtransfers weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das heißt: Jeder Student ist armutsgefährdet. Auch jener, der dank wohlhabender Eltern mietfrei wohnt und sich den Sommerurlaub locker leisten kann. Die vierköpfige Familie, die in der schuldenfreien Eigentumswohnung lebt, aber weniger als 3800 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, ist ebenso von Armut bedroht wie die Oma, die sich dank ihrer Ersparnisse problemlos alle Ausgaben leisten kann, aber von der Pensionsversicherung weniger überwiesen bekommt, als die Statistik verlangt.

Für die Armutsindustrie hat diese Statistik einen bestechenden Vorteil: Die Armutsgefährdung ist nicht auszurotten. Selbst wenn morgen jeder Haushalt eine Million Euro vor die Tür gestellt bekäme, wären statistisch dieselben 1,7 Millionen Menschen armutsgefährdet wie heute. Denn sie hätten immer noch weniger als 60 Prozent des (nun deutlich höheren) Medianeinkommens. Wir haben es hier mit keinem Armutsbarometer zu tun, sondern mit einer Empörungsmaschine, die sich selbst antreibt.

Das Paradoxeste daran: Je höher der wirtschaftliche Erfolg einer Gesellschaft, desto mehr Menschen sind armutsgefährdet. Je stärker die Löhne steigen, desto höher klettert die Armutsgefährdungsschwelle, und desto mehr Menschen rutschen statistisch in die Gefahrenzone. In Österreich wurde diese Schwelle im letzten Jahr um neun Prozent auf 1827 Euro netto im Monat angehoben. Umgekehrt funktioniert der Mechanismus genauso: In einer schweren Wirtschaftskrise, wenn mittlere und hohe Einkommen stärker einbrechen als niedrige, sinkt die Armutsgefährdungsquote, auch wenn das Land tatsächlich ärmer geworden ist.

Dabei gibt es eine höchst erfreuliche Zahl, über die man in den Jahresberichten der Hilfsorganisationen bestenfalls in den Fußnoten stolpert: Die Zahl jener Menschen, die in echter materieller Not leben, denen es also tatsächlich am nötigsten fehlt, ist von knapp 336.000 auf 261.000 gesunken. Und das trotz starker Zuwanderung vieler völlig mittelloser Menschen. Der österreichische Sozialstaat leistet also dort, wo es wirklich darauf ankommt, gute Arbeit.

Das wäre einen Jubelbericht wert. Den gibt es nur leider nicht, weil er niemandem nützt, der von beunruhigenden Zahlen lebt. Man darf das ohne böse Absicht sagen: Wer mit der Bekämpfung der Armut seinen Lebensunterhalt verdient, hat ein vitales Interesse daran, dass die Armut nicht zu stark sinkt. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist menschliches Verhalten. Budgets werden nach Problemlagen vergeben. Ohne Problem kein Geld, also werden Probleme sichtbar gehalten, mit einer Statistik, die dafür wie geschaffen ist.

Der österreichische Sozialstaat verdient sich eine ehrliche Debatte. Eine, die zwischen relativer Einkommensposition und echter materieller Not unterscheidet. Die anerkennt, was funktioniert und was nicht. Und die sich nicht von Kennzahlen treiben lässt, die so konstruiert sind, dass stets dasselbe düstere Ergebnis herauskommt, egal wie gut es der Bevölkerung geht. Damit sich die Heerscharen von Helfern auf jene konzentrieren können, die tatsächlich die Hilfe der Solidargemeinschaft brauchen.

(erstmals erschienen am 30.05. in “Profil”)

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