Wenn das Wetter extremer wird, braucht nicht nur die Landwirtschaft neue Wege, mit den Schäden umzugehen.
Die Bauern ächzen unter der Trockenheit. Die Felder verdorren; den Kühen knurren die Mägen. Eine Milliarde Euro soll die Schadenssumme heuer betragen. Das ist fast ein Sechstel der landwirtschaftlichen Wirtschaftsleistung in Österreich. Nur ein Teil der Schäden ist versichert; für den Rest soll nun der Steuerzahler aufkommen. Finanzminister Marterbauer hat zwar für diese Idee wenig Sympathie erkennen lassen; eine bessere scheint Landwirtschaftsminister Totschnig aber nicht zu haben.
Nun könnte man es sich natürlich einfach machen: Ach, die Bauern! Mal ist es ihnen zu trocken, mal zu nass. Erst zu warm, dann zu kalt. Mal ernten sie zu wenig, mal so viel, dass ihnen die Preise wegbrechen. Dabei kriegen sie doch Agrarförderung bis zum Abwinken. Millionäre sind sie eh schon alle, weil ihnen halb Österreich gehört. Sollen sie halt zusperren. Unternehmerisches Risiko und so. Wir importieren dann die Milch aus Irland und die Erdäpfel aus Polen.
Wie gesagt, so einfach könnte man es sich machen. Man könnte aber auch den Blick etwas weiten. Wenn nämlich Extremwetterereignisse zunehmen, dann betrifft das ja nicht nur die Bauern. In einer Welt, in der die Risiken zahlreicher werden, müssen wir als Gesellschaft anfangen, stärker aus einer Versicherungslogik heraus zu denken. Gerade wir in Österreich sind darin bislang nicht sehr gut. Hierzulande fließen nur etwas mehr als vier Prozent der Wirtschaftsleistung in Versicherungsprämien; Tendenz fallend. Im OECD-Schnitt sind es über sechs Prozent; in den USA fast 13 Prozent. Ein Teil des Unterschieds kommt daher, dass bei uns vieles über staatliche Umlagesysteme geregelt wird, wofür man sich andernorts selbst versichern muss. Daher ist die Risikomentalität der Österreicher wie sie ist. Heilig ist nur die Haushaltsversicherung; und an der Kfz-Haftplicht kommt man halt nicht vorbei. Den Rest soll im Zweifel Vater Staat erledigen.
Immer die gleichen Diskussionen
Und so führen wir bei Schadensereignissen immer wieder die gleichen Diskussionen. Geld kriegt, wer am lautesten schreit und wer die besten Bilder produziert. Ein Hochwasser spült Häuser und Autos wie Spielzeuge durch die abendliche ZIB, während eine Dürre für den ungeübten Blick wie Schönwetter aussieht. So greift die Politik je nach Stimmungslage und Wahlkalender in die Kassen und verteilt Geld. Am Ende wird es oft nicht bei jenen landen, die es am dringendsten brauchen. Dass der Staat nicht gut darin ist, hastig Geld zu verteilen, konnten wir während Corona trefflich bewundern, als sich die Unternehmen zu Tausenden am Umsatzersatz gesundstießen.
Wie gesagt: Eine bessere Idee muss her. Mag sein, dass sich die heurige Dürre mit Steuergeld etwas anfeuchten lässt. Aber die nächste Dürre kommt bestimmt. Der nächste Sturm, der nächste Hagel und das nächste Hochwasser auch. Wirklich weiter hilft uns nur der Versicherungsgedanke: Wer ein Risiko hat, muss für den Schadensfall vorsorgen und sich an den möglichen Kosten beteiligen. Dafür muss er aber auch die richtigen Instrumente vorfinden. Den unversicherten Bauern nun Hilfsgelder zu versagen, wäre zwar absolut im Rahmen des Katastrophenfondsgesetzes. Doch viel produktiver wäre es doch zu fragen, warum sie nicht versichert sind. Warum stehen 20 Prozent der österreichischen Acker- und 60 Prozent der Grünlandflächen ohne Schutz da?
Ein Teil der Antwort liegt in Versicherungsmärkten selbst: Eine Versicherung kennt die Statistik und weiß, wo die Bauern sind und was sie anbauen; die Bauern kennen aber ihr individuelles Risiko trotzdem besser, weil sie seit ihrer Geburt auf ihren Höfen leben und genau wissen, von wo die Wolke kommen muss, damit sie sich auf ihrem Feld abregnet. Am Ende wird die Versicherung zwar unterschiedliche Prämien verlangen; wahrscheinlich werden sie aber für die Bauern mit den niedrigsten Risiken zu hoch ausfallen. Sie werden die Versicherung daher nicht abschließen. Am Ende hat die Versicherungsgesellschaft nur die Bauern mit den hohen Risiken als Kunden. Die zahlen aber systematisch zu niedrige Prämien. Weil so eine Versicherung bald pleite wäre, gibt es sie gar nicht erst. Dass die Hagelversicherung den Bauern überhaupt ein Angebot machen kann, liegt daran, dass sie nur eine vorab festgelegte Summe und nicht den tatsächlichen Schaden abdeckt, und dass der Katastrophenfonds die Prämien zur Hälfte subventioniert.
Eine Versicherungspflicht für alle
Die Lösung für das Problem – nicht nur für die Bauern – könnte eine Versicherungspflicht sein. Nun klingt das natürlich teuer und hört sich auch entsetzlich kollektivistisch an. Doch es ist ja gerade die Stärke des Kollektivs, uns bei der Bewältigung von Problemen zu helfen, wo das Individuum an seine Grenzen stößt. Und schließlich bezahlt auch heute schon das Kollektiv für die Schäden – nur anders. Auch der Rechnungshof hat angesichts des Hochwassers 2024 eine Versicherungspflicht vorgeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt war in Österreich fast niemand dagegen versichert. Die meisten dürften ihr Risiko unterschätzt und die Prämien zu hoch gefunden haben. Sie wären aber viel niedriger gewesen, wenn es eine Versicherungspflicht gegeben hätte.
Ein Allheilmittel ist das freilich nicht. Die Dürreversicherung für Bauern zahlt nur, wenn die Trockenheit schwerwiegender ist als im Mittel der letzten zehn Jahre. Die Rekorddürre 2026 wird daher ab dem kommenden Jahr die Schwelle erhöhen, ab dem die Hagelversicherung leisten muss. Eine Versicherung kann eben nicht zaubern, sondern nur zwischen den Versicherten umverteilen. Die Schäden sind deshalb nicht weg. Sie sind aber auch nicht weg, wenn wir sie immer wieder mit Steuermitteln überdecken.
Doch Hilfe ist auf dem Weg. Totschnig fordert nun nämlich das Klimagesetz. Die Ironie ist genauso bitter wie die jener, die nun keine Dürrehilfen mit der Gießkanne wollen. Mit der Gießkanne! Ernsthaft?
(erstmals erschienen am 14.08.2026 in “Der Standard”)
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