In Österreich steigen die Löhne automatisch mit der Inflation. Leider finden sich immer weniger Kunden, die bereit sind, diese Praxis zu bezahlen.
Der Herbst ist nicht nur die Zeit der fallenden Blätter, sondern auch der steigenden Löhne. In den kommenden Wochen starten für viele Branchen die Lohnverhandlungen, die Voraussetzungen dafür waren schon einmal besser: Die Wirtschaft quält sich durch die hartnäckigste Krise seit den 1950er-Jahren, die Gewinne der Unternehmen schmelzen dahin wie die Butter in der heißen Pfanne, die Produktivität der Arbeitskräfte steigt seit Jahren nicht mehr, und in keinem anderen EU-Land ist die reale Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 2019 pro Kopf stärker gesunken als in Österreich. Das Einzige, das noch kräftig wächst, sind die Staatsschulden und die Löhne der Arbeitnehmer. Die Reallöhne steigen trotz Rezession heuer am zweitstärksten in der gesamten Europäischen Union. Wer einen Job hat, erfährt von der Wirtschaftskrise also nur aus der Zeitung.
Das haben die Beschäftigen nicht nur einer robusten Marktwirtschaft zu verdanken, sondern vor allem einem Mann, den sie (wenn überhaupt) nur von Schwarz-Weiß-Fotos kennen: Anton Benya. Der Gewerkschafter hat nämlich die „produktivitätsorientierte Lohnpolitik“ erfunden. Arbeitnehmervertreter verehren diese Art der Lohnfindung noch heute wie Hindus die Heilige Kuh. Kein Wunder: Mit der „Benya-Formel“ orientieren sich die Lohnerhöhungen nicht etwa an Angebot und Nachfrage oder der wirtschaftlichen Großwetterlage. Sondern an der Inflation der vergangenen zwölf Monate sowie der Arbeitsproduktivität aller Beschäftigten. Das Schöne an dieser Formel für alle Arbeitnehmer: Ob die Wirtschaft boomt oder schrumpft, kann ihnen herzlich egal sein, ihre Einkommen steigen konjunkturunabhängig.
Weniger schön an der Sache ist, dass immer mehr Unternehmer die steigenden Löhne auf den Märkten nicht mehr erwirtschaften können. Allein in den vergangenen drei Jahren erhöhten sich die Arbeitskosten für die Unternehmen um über ein Fünftel, kommendes Jahr werden weitere vier bis fünf Prozent dazukommen.
Keine im Wettbewerb stehende Branche kann Lohnkostensteigerungen in dieser Größenordnung innerhalb einer so kurzen Zeitspanne verkraften. Das gilt umso mehr, als Österreich neben Belgien das einzige Land der EU ist, das die Löhne automatisch um die Inflation erhöht. In allen wichtigen Konkurrenzländern hat man von Anton Benya nämlich noch nie etwas gehört, weshalb Österreichs Wirtschaft sukzessive an Konkurrenzfähigkeit verliert.
Jetzt war Österreich ja noch nie ein Billiglohnland, die Kosten steigen seit Jahren schneller als in vergleichbaren Ländern. Die Rechnung ging sich trotzdem aus: Höhere Kosten wurden mit einer wachsenden Arbeitsproduktivität ausgeglichen. Die Beschäftigten erwirtschafteten also einfach mehr als im Jahr zuvor, wodurch die höheren Löhne nicht auf die Preise durchschlagen konnten. Diese Zeiten sind mit dem Trend zur Teilzeitarbeit und zur gepflegten Work-Life-Balance vorbei: Immer mehr Menschen arbeiten immer weniger, weshalb die Produktivität pro Kopf stagniert, die Lohnstückkosten ungebremst steigen, Unternehmen ihre Produktionen verlagern, Arbeitsplätze abbauen oder gleich dichtmachen.
Besonders verheerend wirkt die Art der heimischen Lohnfindung im Zusammenspiel mit der Ausgabenfreude der Bundesregierung. Sie rühmt sich heute noch, die Kaufkraft der Bevölkerung in der Krise mit großflächigen Geldgeschenken gesichert zu haben. Womit die Nachfrage nach Waren und Gütern in einer Zeit gerissener Lieferketten hochgehalten wurde. Deshalb war die Inflation hierzulande lange um zwei Prozentpunkte höher als im Rest der EU. Die hohe Teuerung hat sich mit der Benya-Formel in die Löhne gefressen, die höheren Löhne haben wiederum die Preise angetrieben. Seither dreht sich die Lohn-Preis-Spirale munter weiter.
Wie man es auch dreht und wendet: Die aus dem vorigen Jahrhundert stammende „Benya-Formel“ passt nicht mehr in die heutige Zeit. Alles spricht dafür, die Lohnverhandlungen verstärkt auf die Betriebsebene zu verlegen. Also dorthin, wo der Kontakt mit der wirtschaftlichen Lebensrealität noch am größten ist. Wenn der Preis der Arbeit nicht von Angebot und Nachfrage gefunden werden darf, sondern auch künftig von einem aus Arbeitnehmern und Arbeitgebern bestehenden Lohnkartell festgelegt werden soll, dann müssten sich die Arbeitnehmerentgelte zumindest an der wirtschaftlichen Entwicklung des jeweiligen Betriebes orientieren. Und nicht an steigenden Preisen.
Früher oder später werden wir uns jedenfalls entscheiden müssen: Retten wir die Benya-Formel, oder retten wir vielleicht doch lieber den heimischen Wirtschaftsstandort?
Kolumne von Franz Schellhorn in “Die Presse” (11.10.2024)
"Das ist keine Konsolidierung, es ist auch keine Sanierung des Haushalts und es ist schon gar keine ausgabenseitige Sanierung des Haushalts." - Franz Schellhorn
Die Bundesregierung präsentiert ihr Doppelbudget 2027/28 als Entlastungspaket für die Wirtschaft, als Reformprojekt für den Sozialstaat, als Schritt in Richtung nachhaltiger Konsolidierung.
Österreichs zentrales Budgetproblem ist seit langem bekannt: Der Staat verfügt über die dritthöchsten Einnahmen aller Euroländer und machte daraus 2025 das vierthöchste Defizit, weil die Ausgaben viel zu hoch sind. Die Diagnose ist daher wenig umstritten: Wer die öffentlichen Finanzen nachhaltig sanieren will, muss auf der Ausgabenseite anse
Wird diesmal tatsächlich ausgabenseitig konsolidiert? Nein. Die Ausgaben steigen weiter fröhlich an.
Das Doppelbudget 2027/28 sollte Österreich eigentlich wieder auf einen stabilen Budgetpfad bringen. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Der neue Doppelhaushalt wiederholt die Fehler des alten: Keine Strukturreformen, viel linke Tasche, rechte Tasche. Am Ende werden es wieder die Steuerzahler richten müssen.
Gegründet um das Land in wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Belangen zu öffnen und neue Antworten auf die großen Herausforderungen zu liefern.
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