Teure Energie? Alles eine Frage der Perspektive

Europa stöhnt über die neuerlich gestiegenen Energiepreise. Dabei täte ein anderer Blick gut: Je ärger wir unsere Energie subventionieren, desto härter wird das Leben in den Schwellenländern.

Wäre Europa ein Tier, könnte es wohl nur der Vogel Strauß sein. Sobald es irgendwo auf der Welt knallt, würden wir am liebsten den Kopf in den Sand stecken und so tun, als ginge uns das alles nichts an. Warum sollen wir an der Zapfsäule mehr bezahlen, nur weil im Nahen Osten schon wieder Krieg ist? Haben wir kein angeborenes Recht auf billiges Gas, billiges Benzin, billige Lebensmittel, billige Mieten? Im Notfall erfinden wir einfach unsere eigenen Preise. Oder einen Bonus. Oder eine Prämie. Irgendwo tief unter der Sandoberfläche ist die Welt noch in Ordnung. 
Doch dachten Sie wirklich, in der afrikanischen Savanne könnte eine Tierart überleben, die bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt? Die Sache mit der Vogel-Strauß-Taktik ist ein Mythos. Tatsächlich nimmt der Strauß entweder die Beine in die Hand und hängt den Angreifer mit 70 Kilometern pro Stunde ab oder er zerfetzt ihn mit seinen messerscharfen Klauen. Ein deftiger Straußentritt schickt sogar den stärksten Löwen ins Reich der Träume. So überlebt man in der Savanne.

Während wir noch verängstigt auf unseren Stromrechnungen herumkauen, schon wieder von allen Arten von Preiseingriffen fabulieren und um den Mallorca-Urlaub bangen, der diesen Sommer wegen Kerosinmangels ins Wasser fallen könnte, hat man in Asien längst die Klauen ausgefahren und kauft alles. Zu jedem Preis. Bestürzt schauen wir zu, wie uns Länder überbieten, die das früher nicht gekonnt hätten. Reihenweise sind in den vergangenen Wochen Tanker auf dem Weg nach Europa auf See umgekehrt und haben Kurs auf Fernost genommen. Reuters berichtet von einer Flüssiggas-Lieferung (LNG), für die in Bangladesch über 82 Dollar pro Megawattstunde hingeblättert wurden. In Europa lag der Marktpreis für LNG selbst in der Spitze im März kaum über 60 Dollar. Daher machen Energielieferungen derzeit lieber einen großen Bogen um Europa. Sogar Schiffe, die schon in Rotterdam angedockt hatten, sind wieder in See gestochen, weil zahlungswilligere Kunden am anderen Ende der Welt mit höheren Preisen lockten. Dass die Russen nun auch noch zündeln und gerade jetzt den Transit von kasachischem Öl nach Deutschland gestoppt haben, hilft nicht. Auch auf Kerosin wird derzeit regelrecht Jagd gemacht. Die pakistanischen Behörden haben ihre Fluggesellschaften angewiesen, an ausländischen Flughäfen vollzutanken. Wenn das die Runde macht, brauchen wir in Schwechat vielleicht doch noch die dritte Piste.

Zeit also, den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Diese Krise geht auch an uns nicht spurlos vorbei. Mag sein, dass gravierende, flächendeckende Mangellagen in Europa auf absehbare Zeit nicht zu erwarten sind. Aber vielleicht würde ein Blick über die eigene Nasenspitze hinaus den Blick darauf schärfen, wie knappe Güter auf der Welt verteilt werden und dass es Preise sind, die sie dorthin leiten, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Ob uns das nun gefällt oder nicht: Wenn ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion plötzlich fehlt, dann hat das auch etwas mit uns zu tun. 
Ausgerechnet jene, die sonst immer nur in Nullsummenspielen denken, und glauben, dass wir nur deshalb von Welthandel profitieren, weil es auf der anderen Seite des Erdballs Verlierer geben muss, bemerken nicht, dass jeder Liter Kraftstoff, den wir künstlich verbilligt in Europa verjuxen, irgendwo in Asien wirklich fehlt. Schon vor vier Jahren war man dort wenig begeistert, als die Europäer plötzlich anfingen, die LNG-Märkte leerzukaufen, während wir in Österreich gleichzeitig diskutierten, ob es akzeptabel sei, im Winter mit einem Grad Celsius weniger in der Wohnung auszukommen. 
Vielleicht ist es das gewohnheitsmäßige, flächendeckende Armrechnen der österreichischen Bevölkerung, das den Blick auf echte Armut längst verstellt hat. Wie armselig ist es, dass wir wegen ein paar Cent mehr an der Zapfsäule zu Preiseingriffen schreiten und die Nachfrage künstlich hochhalten, wo in Indien wegen des allgemeinen Treibstoffmangels der Verkehr kurz vor dem Kollaps steht? Geradezu perfide muss es sich dort anhören, dass wir uns um den Mallorca-Urlaub sorgen, während es in Bangladesch zu Ausschreitungen kommt und die Haushalte nicht mehr wissen, womit sie kochen sollen. Wenn demnächst die Düngerknappheit in echten Mangel umschlägt, werden in dieser Region Millionen Menschen wieder hungern.

Nun kann man dem österreichischen Autofahrer nicht alles Leid der Welt umhängen. Das ist nicht der Punkt. Aber Perspektive ist wichtig. Preise sollen dafür sorgen, dass knappe Güter dorthin kommen, wo sie am schmerzlichsten fehlen. Das ist die edelste und zugleich sozialste Funktion von Preisen. Denn es ist ja nicht plötzlicher Reichtum, der in den Schwellenländern die Zahlungsbereitschaften hat steigen lassen. Es ist pure Verzweiflung. Es wäre wohl das Mindeste, dass wir uns gelegentlich vergegenwärtigen, dass Energie jetzt deshalb so teuer ist, weil wir mit jenen darum konkurrieren, denen sonst echter Mangel bevorsteht. Die Preise wollen uns etwas sagen: Verbraucht weniger! Im Brustton der sozialen Gerechtigkeit ausgerechnet im reichen Europa für Preisbremsen zu werben, ist hochgradig unsozial. 
Aber vielleicht lernen wir das noch, wenn auch wir demnächst zu Fuß gehen müssen und die Gasspeicher bis zum kommenden Herbst doch nicht nachgefüllt sind. Ein Wunder ist es ja nicht, dass europäische Importeure offenbar nicht bis zum Äußersten mitbieten, wenn sie dann kein Geld verdienen sollen.

(erstmals erschienen am 30.04.2026 in “Der Standard”)
 

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