Sparen an den Unis? Warum nicht!

Österreich ist heute so etwas wie die Gratisuni für halb Europa: Die Billa-Verkäuferin zahlt das Gratisstudium des deutschen Arztsohnes. Sozial ist das nicht.

In der kommenden Woche herrscht an den österreichischen Universitäten wieder rege Betriebsamkeit: Die ersten Aufnahmetests für das kommende Studienjahr gehen über die Bühne, Tausende Studienwillige aus aller Herren Länder „matchen“ sich um die begehrten Plätze. Mit der Qualität der heimischen Unis hat das nur wenig zu tun, keine einzige der österreichischen Hochschulen zählt zur Weltspitze. Attraktiv ist die Alpenrepublik aus einem ganz anderen Grund: Hier kann jeder studieren, ohne dem Staat dafür nennenswerte Beiträge abliefern zu müssen. 
Zu verdanken haben das die Studierenden der SPÖ. Sie hat 2008 die ohnehin homöopathisch niedrigen Studiengebühren abgeschafft. Aus sozialen Gründen. Mit dem Ergebnis, dass sich alle heimischen Studenten mit ausländischen Studierenden um die vorhandenen Studienplätze raufen dürfen. Österreich ist nämlich zur Ausbildungsstätte für halb Europa geworden. An den staatlichen Universitäten sind die Erstsemestrigen mit rotweißrotem Pass längst in der Minderheit.

Das muss man sich einmal vorstellen: Die kleine Volkswirtschaft Österreich exportiert Jahr für Jahr reihenweise fertig ausgebildete Akademiker fast gratis in das Ausland. Das gilt vor allem für Deutschland, wo der „Numerus clausus“ viele Studierende ins benachbarte Österreich treibt. Das wiederum führt dazu, dass die so gerne zitierte alleinerziehende Billa-Verkäuferin mit ihrer Steuerleistung das knapp 300.000 Euro teure Zahnmedizinstudium des Sprösslings einer deutschen Arztfamilie (mit)bezahlt, damit dieser nach seinem Studium die elterliche Praxis in München übernehmen kann. Wirklich sozial scheint mir das nicht zu sein. Fast 90 Prozent der in Wien ausgebildeten deutschen Zahnmediziner gehen zurück in die Heimat.  
Wäre es nicht wesentlich sozialer und klüger, wieder Studiengebühren einzuheben und mit einem flankierenden Stipendiensystem dafür zu sorgen, dass alle heimischen Maturanten ungeachtet ihrer sozialen Herkunft einen Platz an der Uni bekommen? Auch günstige Kredite, die später im Berufsleben steuerschonend zurückgezahlt werden können, wären eine deutlich treffsicherere Option als das heutige Gießkannenprinzip, das vor allem jene begünstigt, die es am wenigsten brauchen. Über all das wird hierzulande kaum diskutiert, mehr Geld für die Unis scheint die einzige Maxime zu sein. Obwohl schon heute nur noch Frankreich mehr für seine Universitäten ausgibt als Österreich.

Insofern waren die von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner ventilierten (und kurz darauf wieder schubladisierten) Sparpläne nicht ganz verkehrt. Aber wer hierzulande Kürzungen an den Unis auch nur andenkt, gilt als Bildungsfeind. „Wir dürfen nicht an der Zukunft sparen!“, war auf den Transparenten der Studentenproteste vor wenigen Wochen zu lesen. Was auf keinem der Schilder stand und von keinem der Studentenvertreter in den vielen Interviews zu hören war: Die Budgets der Universitäten liegen für die Finanzierungsperiode 2025 bis 2027 um 45 Prozent über dem Jahr 2021.  
Wenn dieser Ausgabenexzess auch nur leicht korrigiert werden sollte, bricht gleich die Hölle los. Dabei gibt es jede Menge Sparpotenzial. Oder schließt die fünfte Ringvorlesung über „kritisches Weißsein“ die Lücke an Pflegekräften? Sichert das x-te Seminar über „postkoloniale Feminismen“ die Pensionen? Hilft uns das Research-Seminar über „antifaschistische Ökonomie“ wirklich weiter? Wohl kaum.

Besser wäre es, Studierende für ihre Hobbys bezahlen zu lassen oder die Studiengänge kräftig zu straffen, um das eingesparte Geld in die frühkindliche Bildung zu investieren. In Wien kann fast jeder zweite Erstklässler dem Unterricht nicht folgen, weil es an den nötigen Deutschkenntnissen fehlt. Viele dieser Kinder sind in Österreich geboren. Ein sozialpolitischer Skandal, der niemanden zu jucken scheint, während die Einführung von Studiengebühren als Angriff auf die Menschenrechte gilt. Dabei beginnt die Chancengerechtigkeit nicht im Hörsaal, sondern in der ersten Klasse Volksschule.

(erstmals erschienen 27.06.2026 in “Profil”)

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