Die Bundesregierung will uns vor Mogelpackungen in den Supermärkten schützen. Schön. Aber wer schützt uns vor dem Etikettenschwindel der Regierung?
Österreichs Bundesregierung hat sich diese Woche auf ein bahnbrechendes Gesetz verständigt, das der schamlosen Schwindelei im Lebensmittelhandel ein Ende setzen soll. Viele Lebensmittel seien nämlich nicht mehr das, was sie einmal waren. Genauer gesagt nicht mehr so viel, wie sie einmal waren. Schokotafeln, die früher 100 Gramm auf die Waage brachten, schaffen mittlerweile nur noch 80 Gramm – kosten aber so viel wie 100 Gramm. Das ist kein Einzelfall, ähnliches hat die Regierung bei anderen Produkten des täglichen Bedarfs beobachtet. Diese „Shrinkflation“ muss künftig gekennzeichnet werden, selbst die Schriftgröße auf den Warnhinweisen wird vom Staat millimetergenau vorgegeben. Das muss diese Deregulierung sein, von der so viel zu hören ist.
Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, warum die Bundesregierung in Zeiten eskalierender Budgetdefizite noch die Muße findet, sich um die Verpackungsgrößen von Schokotafeln zu kümmern. Das ist auch nicht ganz ohne Ironie, zumal der Staat selbst der ungekrönte Meister der professionellen Kundentäuschung ist. In kaum einer Disziplin hat die Politik mehr Expertise als in dieser. Der Staat hat die „Shrinkflation“ nicht erfunden, aber er hat sie perfektioniert und gibt sich jetzt als fürsorglicher Konsumentenschützer.
Nehmen wir nur das Gesundheitswesen: Österreich leistet sich eines der teuersten Systeme der Welt, die Kosten dafür steigen Jahr für Jahr verlässlich an. Mit dem Resultat, dass der Besuch beim Facharzt zur Geduldsprobe wird und Kinder in Wien eineinhalb Jahre auf eine Mandeloperation warten müssen. Auf den Eingangstüren der staatlichen Krankenhäuser findet sich aber kein Hinweisschild mit der Aufschrift: „Mehr zahlen, länger warten!“ Ähnliches gilt für das Bildungssystem: Abgesehen von Luxemburg gibt kein Land in der EU mehr Geld pro Schüler aus als Österreich. Dennoch kann jeder vierte Pflichtschüler im Alter von 15 nicht sinnerfassend lesen, ebenso viele beherrschen die Grundrechnungsarten nicht. Ohne dass die Eltern auf den Eingangstüren der staatlichen Schulen den zweckdienlichen Hinweis „Mehr Geld für weniger Bildung!“ vorfänden.
Das professionellste Shrinkflationsprojekt der Politik ist und bleibt das staatliche Pensionssystem. Jüngere Generationen müssen 22,8 Prozent ihres Bruttolohns an die Pensionisten abführen, während der Staat ungebremst Hunderttausende in Frühpension schickt. Die Jungen zahlen weiter ein, obwohl alle wissen: Die versprochene Gegenleistung werden sie nicht mehr bekommen. Weil ein Umlagesystem nur dann funktioniert, wenn mehr Menschen in den Arbeitsmarkt drängen als in Rente gehen. Derzeit ist es genau umgekehrt. Das staatliche Pensionssystem gleicht also einem Chipssackerl, das zur Hälfte mit Luft gefüllt ist. Nur merkt man das erst in einigen Jahrzehnten, wenn keine Reklamationen mehr angenommen werden. Einen dringenden Warnhinweis auf allen Lohnzetteln sucht man aber vergebens: „Achtung, staatlich organisiertes Pyramidenspiel! Sie werden um Ihr Geld betrogen!“
Wir Bürger brauchen keine Hinweisschilder. Weder im Supermarkt noch an den Türen der staatlichen Spitäler oder Schulen. Wir brauchen endlich Lösungen. Denn wir sehen tagtäglich, wie sich die staatlichen Leistungen trotz steigender Preise sukzessive verschlechtern. Um den finanziellen Kollaps zu verhindern, braucht es ein gesetzliches Pensionsantrittsalter, das mit der steigenden Lebenserwartung mitwächst. Und eine betriebliche Altersvorsorge, die alle Erwerbstätigen am globalen Vermögenszuwachs beteiligt und einen guten Lebensstandard in der Pension sicherstellt. In Dänemark liegen über 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge, bei uns sind es beschämende sieben Prozent.
Wir brauchen ein Bildungssystem, das endlich die sogenannten Brennpunktschulen adressiert und die Deutschkenntnisse der zugewanderten Schüler verbessert. Eine Veröffentlichung aller Ergebnisse nationaler und internationaler Bildungstests je Schule würde den Druck seitens der Eltern auf die Bildungspolitik erhöhen. Mehr Geld sollte es für schwierige Standorte geben, verbunden mit der Auflage, bessere Ergebnisse zu liefern. Und ja, wir brauchen ein Gesundheitssystem mit einer klaren Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern sowie mehr Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Anbietern. Nur so ist die Qualität der Leistung zu erhöhen.
Dafür bezahlen wir Politiker. Aber nicht dafür, uns in den Supermärkten wie Kinder an die Hand zu nehmen.
Erstmals erschienen in „Die Presse” am 22.11.2025
Anteil der 15- bis 29-Jährigen, die weder erwerbstätig noch in Aus- oder Weiterbildung sind, in Prozent
Lange stand Österreich hier deutlich besser da als der Rest der EU.
Ausgaben für Bildungseinrichtungen nach Bildungsstufe, in Prozent des BIP, im Jahr 2023
Während wir bei den Hochschulen fast an der europäischen Spitze liegen, geben wir für frühkindliche Bildung weniger aus, als die meisten EU-Länder. Dabei entscheidet sich genau in den ersten Jahren, ob Kinder später mithalten können. Wir sparen dort, wo jeder Euro am meisten bewirken würde und sind dort großzügig, wo mithilfe von Studieng
„So ein digitaler Ausweiszwang, dass sich der Staat regulierend vor unseren Zugang zum offenen Internet stellt, das kennen wir eigentlich nur aus China und Russland" – Thomas Lohninger über die Nebenwirkungen des Social-Media-Verbots für Unter-14-Jährige
Entwicklung des Pensionsantrittsalters und der Lebenserwartung von Männern und Frauen zwischen 1970 und 2060, in Jahren, in Österreich
1970 verbrachten Männer im Schnitt 13,6 Jahre in Pension, Frauen 18,5 Jahre. Heute sind es bereits 21,2 beziehungsweise 26,4 Jahre, bis 2060 steigt die Bezugsdauer auf 25,3 und 28,9 Jahre.
Einen flächendeckenden Lehrermangel gibt es in Österreich nicht, auch wenn das gern behauptet wird, meint unsere Ökonomin Carmen Treml. Nur rund ein Prozent der Lehrerstellen ist unbesetzt. Der Anteil nicht voll ausgebildeter Lehrkräfte liegt mit 6,7 Prozent klar unter dem OECD-Schnitt von 9,1 Prozent. Wir haben kein Mengenproblem, sondern Engp
Im verbissenen Kampf gegen rechts wurde auf die Gefahr von links vergessen. Wohin das führt, zeigt sich gerade in New York und in Berlin.
Gegründet um das Land in wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Belangen zu öffnen und neue Antworten auf die großen Herausforderungen zu liefern.
Lernen Sie uns kennenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen