Handbuch | Armut

Einleitung

Ungleichheit mit Ungerechtigkeit gleichzusetzen, ist vermutlich einer der gängigsten Irrtümer unserer Zeit. Ungleichheit kann sehr vielschichtig und unterschiedlich begründet sein. Heute in einem Entwicklungsland das Licht der Welt zu erblicken, verringert die Chancen auf ein selbstständiges Leben frei nach seinen Wünschen und Talenten und ist daher ungerecht.

Verdient aber jemand, der viel arbeitet, mehr Geld als jemand, der aus freien Stücken weniger arbeitet, verfügen beide über ein ungleiches Einkommen. Die wenigsten Menschen werden das als ungerecht empfinden. Auch hinsichtlich Größe, Aussehen und Talent sind wir Menschen ungleich. Das mag man als ungerecht empfinden. Es gibt allerdings keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, solche den Menschen in die Wiege gelegte Ungleichheiten per staatlichem Eingriff zu beseitigen. Anders verhält es sich bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Kaum jemand wird argumentieren wollen, dass Menschen verarmten, weil Steve Jobs so viele iPhones verkaufte. Oder Bill Gates so viele Betriebssysteme. Oder Dietrich Mateschitz so viele Energy-Drinks. Aber eine Vielzahl von Menschen hält eine Steuer auf das Vermögen dieser außerordentlich wohlhabenden Personen für gerecht. Nicht zuletzt mit dem Argument, damit für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei sollte das Ziel nicht sein, die Wohlhabenden ärmer zu machen, sondern die Armen wohlhabender. Also eine möglichst große Zahl von Menschen am wachsenden Wohlstand zu beteiligen. „Es macht den Kleinwüchsigen nicht größer, wenn man das Wachstum des Großen mit pharmazeutischer Gewalt stoppen würde. Genauso ist und bleibt es eine Illusion zu glauben, dass eine Schwächung der Starken die Schwachen stärkt“,[1] meint hingegen der Ökonom Thomas Straubhaar.

Eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wird per se als ungerecht empfunden, verbunden mit dem Glauben, dass eine möglichst gleichmäßige Verteilung von Einkommen und Vermögen Vorteile für alle brächte. In der Ökonomie ist es hingegen eine allgemein akzeptierte Erkenntnis, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik ist.[4] Selbst Thomas Piketty weist in seinem Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ immer wieder darauf hin. Viel schwieriger ist die Frage nach der richtigen Balance zwischen Wohlstandsverteilung und wirtschaftlicher Effizienz zu klären. Oder anders gefragt: Wie viel Ungleichheit braucht eine Gesellschaft und wie viel verträgt sie? Wie viel Gleichheit braucht eine Gesellschaft, wie viel verträgt sie? Eine Debatte, die mit dem Ökonomen Simon Smith Kuznets vor 60 Jahren, also lange vor Piketty, begonnen hat. Kuznets zeigte einen empirischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Einkommensungleichheit. Abhängig vom Entwicklungsstand der Volkswirtschaft nimmt die Ungleichheit in aufstrebenden Nationen zuerst zu, bevor sie nach Erreichen eines gewissen Entwicklungsniveaus mit dem Wachstum wieder abnimmt. Der mit der Globalisierung einhergehende soziale und wirtschaftliche Aufstieg vieler Millionen Menschen drängte die Diskussion über die wachsende Ungleichheit in den folgenden Jahren wieder in den Hintergrund. Der abrupte Wachstumsstopp im Zuge der Finanzkrise holt die Frage nach der gerechten Verteilung von Profit und Kosten von Risiken im Kapitalismus wieder vor den Vorhang. Gerne übersehen wird in der emotional aufgeladenen Debatte, dass nicht jeder Anstieg der Ungleichheit zu einer ökonomischen oder gesellschaftlichen Krise führt. So schafften es beispielsweise in Asien Millionen von Menschen aus der bittersten Armut aufzusteigen, was auch dazu führte, dass die Verteilung im Land ungleicher wurde.

Oft wird vergessen, dass nicht jede Form der Egalisierung wünschenswert ist. Piketty etwa zeigt, dass die beiden verheerenden Weltkriege zu einer erheblich gleicheren Verteilung in Europa führten. Nur die Wenigsten werden argumentieren, dass die Kriegsjahre in Europa zu den glücklichen und erstrebenswerten zu zählen wären.

Es gibt reichlich Gründe, anzunehmen, dass nicht der Kampf zwischen Arbeit und Kapital für die Entwicklung der Ungleichheit in den letzten Jahren verantwortlich ist, sondern ganz andere Faktoren. Etwa die Veränderung von Haushaltsstrukturen: Die sinkende Anzahl von Personen pro Haushalt verringert Einkommen, Vermögen und Verbrauch der Haushalte. Die sinkenden Geburtenraten führen zu einer Alterung der Gesellschaft. Der frühere Auszug des Nachwuchses aus dem Elternhaus ist ein Zeichen des Wohlstands einer Gesellschaft, wirkt aber in seiner Tendenz spreizend auf die Verteilung, da Vermögen und Einkommen dieser Personen oftmals nur gering sind. Beim Bildungsgrad der Familienmitglieder gibt es in Österreich erhebliche Unterschiede, welche wiederum Einkommensunterschiede erklären können. Zusätzlich ist der Trend zur Individualisierung unübersehbar – mehr Singlehaushalte, die einkommensschwächer sind – oder das „assortative mating“[3], was erhebliche Auswirkungen auf die gemessene Ungleichheit hat, ohne dass hierdurch irgendeine Person durch Ausbeutung vom Kapital benachteiligt wird.[4]

All diese Probleme seien über eine gerechtere Verteilung des Kuchens zu beseitigen, ist immer wieder zu hören. Allein wenn sich die Reichen mit einem kleineren Stück zufrieden gäben, bliebe der breiten Masse mehr übrig. Unterstellt wird, der Kuchen sei ein statisches Objekt. Das ist er aber nicht. Der Kuchen wächst oder schrumpft, je nach wirtschaftlicher Entwicklung.  Er ist auch kein Nullsummenspiel, in dem die Reichen den Armen etwas wegessen. Ein kleineres Stück für die Reichen bedeutet noch lange nicht mehr Kuchen für die Ärmeren. Wie ein größeres Stück für die Armen nicht gleichbedeutend mit einem kleineren Stück für die Reichen ist.

Die Verteilungsdebatte ist wichtig, sie verfehlt aber so gut wie immer den wahren Kern: Wie ist es möglich, dass angesichts des wachsenden Massenwohlstands die Zahl der Armutsgefährdeten immer weiter steigt? Wieso sind ausgerechnet in hervorragend ausgebauten Sozialstaaten wie Österreich oder Schweden die Vermögensunterschiede so groß? Warum gibt es in Österreich so viel Armut, obgleich der Staat Jahr für Jahr Milliarden (2014 waren es mehr als 90 Milliarden Euro) für Soziales ausgibt? Warum sind Vermögen in Ländern mit Vermögens- und Erbschaftssteuern nicht gleichmäßiger verteilt als in Staaten ohne diese Abgaben?

Auf all diese Fragen wird dieses Handbuch Antworten geben.

Fußnoten
  1. Siehe Thomas Straubhaar: „Nicht das Erben, die Erben sollten besteuert werden“, in: Die Welt, vom 18.05.2015.
  2. Aufstiegschancen sind auf individueller Ebene wichtige Anreize. Ein gewisses Maß an Ungleichheit fördert so Innovation und Effizienz und letztlich das Wachstum.
  3. Der Trend dazu den Lebenspartner mit gleichem sozioökonomischen Hintergrund (Bildung, Gesellschaftsschicht, Einkommen) auszuwählen, was wiederum die gesellschaftliche Durchmischung hemmt.
  4. Siehe Sachverständigenrat (2009); sowie Greenwood et al. (2014).


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