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Vom Gastarbeiterkind zum Milliardär

Es ist würdig und recht, dass die profil-Redaktion Forscher wie Uğur Şahin zu den Menschen des Jahres kürt. Lob gebührt auch zwei Superreichen aus Bayern.

Weihnachten ist die Zeit für schöne Geschichten. Sie müssen nicht immer einem Märchenbuch entnommen sein, sie tragen sich hin und wieder auch im richtigen Leben zu. Wie jene über das türkische Migrantenkind Uğur Şahin, das im Alter von vier Jahren nach Deutschland kommt. Niemand konnte damals ahnen, dass aus dem kleinen Buben einmal ein nobelpreisverdächtiger Wissenschafter werden sollte. Zumal ihm der Weg dorthin nicht wirklich geebnet ist. Sein Volksschullehrer will ihn in die Hauptschule schicken, ehe es nach Intervention eines aufmerksamen Nachbarn dann doch ein Gymnasium wird.

Uğur Şahin belegt Leistungskurse in Mathematik und Chemie, maturiert 1984 am Erich-Kästner-Gymnasium von Köln. Als erstes Gastarbeiterkind überhaupt. Das Studium der Medizin absolviert er im Eiltempo, acht Jahre nach der Matura promoviert er summa cum laude. Heute ist Şahin fünffacher Milliardär. Jedenfalls auf dem Papier, denn der Wissenschafter hält knapp 18 Prozent der Aktien an Biontech. Also an jenem Pharmaunternehmen, für das er mit seinem Team jenen Impfstoff entwickelt hat, der Milliarden von Menschen auf die Rückkehr in ein halbwegs normales Leben hoffen lässt. Mit seinem Aktienpaket ist Şahin dem „Billionaires Index“ des Finanzdienstleisters Bloomberg zufolge 5,1 Milliarden Dollar „schwer“. Und liegt damit in einer Liste der reichsten Deutschen auf Platz 34.

Niemand könne auf moralisch einwandfreiem Wege reich werden, wie oft zu hören ist. Beim Migrantenkind und Biotech-Gründer Uğur Şahin dürfte das wohl ein wenig anders sein.

Dabei scheint in unseren Breiten kaum jemand gerne auf einer der Milliardärs-Listen auf, weil das gleichbedeutend mit der gesellschaftlichen Ächtung ist. Schließlich könne niemand auf moralisch einwandfreiem Wege jemals so reich werden, wie oft zu hören ist. Bei Şahin dürfte das wohl ein wenig anders sein, aber Neid und Missgunst werden auch ihn einholen, spätestens seine Nachkommen.

Sind sehr erfolgreiche und sehr wohlhabende Menschen ehrlich zu sich selbst, dann wissen sie auch, dass ihre Leistung allein nie gereicht hätte. Viele erbringen große Leistungen, ohne je zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Ihnen fehlt das Glück, das andere haben. Wie Uğur Şahin. Zuerst mit einem aufmerksamen Nachbarn, dann mit seiner Frau, Özlem Türeci. Auch sie ist das Kind türkischer Migranten, beide wachsen wenige Hundert Kilometer voneinander entfernt in Deutschland auf. Sie ist die Tochter eines Chirurgen, er der Sohn eines Ford-Arbeiters. Sie promoviert in Molekularbiologie, er in Immunologie. Kennengelernt haben sie einander in einem Krankenhaus im Saarland. Ihre Forschungsschwerpunkte passen perfekt zueinander und bilden die Grundlage für ihre Krebsforschung, deren Erkenntnisse sie später für die Entwicklung des Covid-Impfstoffs nutzen sollten.

Zwei Milliardäre aus Bayern haben 150 Millionen Euro in hochriskante Biotech-Unternehmen gesteckt. Ohne diese Investition wäre Biontech kaum gegründet und der Corona-Impfstoff nicht entwickelt worden.

Allerdings wäre das alles nichts ohne die US-Wissenschafterin Katalin Karikó, einer weiteren Migrantin. Einem Porträt der „NY Post“ zufolge flieht die gebürtige Ungarin im Alter von 30 Jahren vor den Kommunisten in die USA. Mit 1200 Dollar, die sie im Teddybären ihrer Tochter versteckt. Sie gilt als Pionierin auf dem Gebiet der mRNA-Forschung. Eine Technologie, die auch „Software des Lebens“ genannt wird. Injiziert werden nicht tote Viren, vielmehr werden Körperzellen instruiert, wie sie das Virus ausschalten können. Eine Technologie, auf die Karikós Vorgesetzte von der University of Pennsylvania nicht viel geben. Im Gegensatz zu Şahin, der sie nach Mainz holt. In den USA versteht das kaum jemand. „Ein Kollege lachte mich aus, er sagte: ‚Diese Firma hat ja nicht einmal eine Website‘“, wie Karikó von der „NY Post“ zitiert wird. Heute bräuchte sie auch keine mehr, das Unternehmen ist mittlerweile weltberühmt.

Wir hören immer wieder, dass Bildung nur vererbt wird, Milliardäre Gift für die Gesellschaft seien und Migranten nur in die Sozialsysteme zuwanderten. Das Leben von Uğur Şahin, Özlem Türeci und Katalin Karikó erzählt aber eine ganz andere Geschichte.

Aber über all das würde heute niemand reden, wären da nicht auch noch zwei schwerreiche Herren aus Bayern. Die Rede ist von den Zwillingsbrüdern Andreas und Thomas Strüngmann, die mit dem Verkauf des Pharmaunternehmens Hexal zu Milliardären werden. Sie hätten mit dem Verkaufserlös in Ruhe leben können. Stattdessen stecken sie einen großen Teil davon in hochriskante Unternehmen aus dem Biotechbereich, mit hervorragenden Aussichten auf einen Totalverlust. Im Herbst 2007 lernen sie Uğur Şahin  kennen, der nach Geldgebern sucht. Die beiden Milliardäre aus Bayern sind von seinen Ideen derart angetan, dass sie ihm und dessen Partner 150 Millionen Euro für deren Arbeit geben, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in einem Porträt schreibt. Mit weitreichenden Folgen: „Ohne ihren Wagemut und Geschäftssinn wäre Biontech kaum gegründet und der Impfstoff, auf den die Welt nun hofft, nicht entwickelt worden.

Während wir also immer wieder zu hören bekommen, dass Bildung nur vererbt wird, Milliardäre Gift für die Gesellschaft seien, Migranten nur in die Sozialsysteme zuwanderten, die Globalisierung unsere Jobs stiehlt und der Kapitalismus schleunigst überwunden werden müsse, erzählt das Leben von Uğur Şahin, Özlem Türeci und Katalin Karikó eine ganz andere Geschichte. Eine sehr schöne Geschichte, auch wenn sie viele nicht hören wollen. Nicht einmal zu Weihnachten.

Kolumne von Franz Schellhorn im „Profil“ (12.12.2020)



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© 2021 Agenda Austria
Vom Gastarbeiterkind zum Milliardär / 14.12.2020
https://www.agenda-austria.at/von-gastarbeiterkind-zum-milliardaer/

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