Bei jedem Handelsabkommen werden Europas Bauern vor der Konkurrenz abgeschirmt. Die Zeche zahlen die Konsumenten – und das gleich doppelt.
Freier Warenverkehr, offene Märkte, Wohlstand durch freien Handel – das war die grandiose Idee, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein heillos zerstrittenes Europa zusammenschweißen und zu mehr Wohlstand führen sollte. Und es hat funktioniert. Jahrzehntelang. Doch irgendwann auf dem Weg von der Montanunion zur Europäischen Union, wie wir sie heute kennen, ist etwas schiefgelaufen: Aus dem größten Freihandelsprojekt der Welt ist mittlerweile so etwas wie die weltgrößte Bauerngewerkschaft geworden. Wann immer Brüssel ein Handelsabkommen verhandelt, geht es nicht so sehr um die Frage, welche neuen Märkte für europäische Unternehmen erschlossen werden können. Sondern insbesondere darum, wie Europas Bauern vor der Konkurrenz abgeschirmt werden können. Mehr Wettbewerb und freier Handel für alle – nur nicht für die europäischen Landwirte.
Jüngstes Beispiel ist das vor wenigen Tagen unterzeichnete Freihandelsabkommen mit Indien. Rindfleisch ausgenommen, Geflügel ausgenommen, Reis ausgenommen, Zucker ausgenommen, Milchprodukte ausgenommen, Honig ausgenommen. Und natürlich auch der für die europäische Volkswirtschaft so wichtige Knoblauch. Beim Mercosur-Abkommen, das seit einem Vierteljahrhundert verhandelt und nun von Grünen, den Linken und den Nationalen verzögert wird, ist es nicht anders. Saftige Steaks aus Argentinien? Um Gottes willen! Zucker aus Brasilien? Wo denken wir hin! Mais aus Chile? Bitte nicht! Also werden Quoten vereinbart, Schutzzölle hochgezogen und Übergangsfristen gestreckt, bis die ursprüngliche Idee des freien Handels nur noch als Karikatur übrig bleibt.
Dabei sind es nicht einmal sehr viele Menschen, deren Interessen die Politik über jene aller anderen stellt. In Österreich arbeiten etwas weniger als drei Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, die etwas über ein Prozent zur jährlichen Wirtschaftsleistung beisteuern. EU-weit verdienen vier Prozent aller Erwerbstätigen ihr Geld in der Landwirtschaft. Aber diese vier Prozent haben eine politische Lobby, von deren Schlagkraft die mächtigsten Industrieverbände nur träumen können. Jahr für Jahr fließen EU-weit rund 55 Milliarden Euro an Subventionen in den Agrarsektor. Das ist deutlich mehr, als die Union für Forschung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz zusammen ausgibt. Grundlage für die hohen Subventionen an die Landwirte war übrigens der große Hunger nach dem Zweiten Weltkrieg.
Mittlerweile versinkt Europa im Überfluss, während munter weiter subventioniert wird. Andere Länder zeigen, dass es auch anders gehen könnte. Neuseeland zum Beispiel. Die dortige Labour-Regierung hat in den 1980er-Jahren innerhalb weniger Jahre alle Zuschüsse für die Landwirtschaft gestrichen. Von Hunger, großem „Bauernsterben“ und epochalen Hangrutschen keine Spur. Was sich aber grundlegend geändert hat: Die neuseeländischen Bauern sehen sich nicht mehr als staatlich subventionierte Landschaftsgärtner, sondern sie zählen sich wieder zum stolzen Unternehmertum. Niemand will zum alten System zurück. In Europa will hingegen niemand von der Subventionswirtschaft weg. Und wofür das alles? Um Strukturen zu bewahren, die mit modernem Wirtschaften wenig zu tun haben. Um Preise für Lebensmittel künstlich hochzuhalten, die europäische Konsumenten an der Supermarktkasse bezahlen.
Die EU schützt nicht die Bauern vor dem Weltmarkt – sie schützt die Bauern vor den Konsumenten. Und die Konsumenten bezahlen gleich doppelt: einmal über ihre Steuern, die in die Subventionen fließen, und ein zweites Mal über die höheren Preise, die sie der Protektionismus kostet. Während sich die Beschäftigten aller anderen Branchen tagtäglich der internationalen Konkurrenz stellen müssen, werden die Bauern von der Politik gehegt und gepflegt. Vom stolzen Bauernstand hat die europäische Fördermaschinerie nur leider nichts mehr übrig gelassen. Welcher Landwirt kann sich heute noch frei und unabhängig nennen, wenn deutlich mehr als die Hälfte seines Einkommens vom Staat überwiesen wird? Der fortschreitende Protektionismus ist für die Bauern aber auch wirtschaftlich gesehen nicht ohne Risiko: Wer den freien Handel bremst, bremst den Wohlstand. Wer den Wohlstand bremst, steht eher früher als später vor der Frage, wer denn künftig jene Fördergelder erwirtschaften soll, die an die Landwirte verteilt werden. Kleiner Spoiler: Eine deindustrialisierte Wirtschaft wird das nicht mehr leisten können.
(erstmals erschienen in “Die Presse” am 31.01.2026)
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