Die Merit-Order: Unschuldig im Sinne der Anklage

Wer den Preisbildungsmechanismus an der Börse dafür verantwortlich macht, dass der Strom so teuer ist, macht es sich zu leicht. Wir spielen den Pflichtverteidiger für die Merit-Order.

Die Gaspreise sind gestiegen und schon sitzen wir wieder zu Gericht über die Merit-Order – das verhasste Preisbildungsprinzip an der Strombörse, bei dem das teuerste Kraftwerk den Preis bestimmt. Auch der von uns geschätzte „Presse“-Kommentator Josef Urschitz beklagte hier vor wenigen Tagen die „Profitmaximierungsmaschine zu Lasten der Stromkunden“. Er reiht sich dabei ein in die Schar jener, die den Strommarkt anders haben wollen, dann aber doch nicht so recht erklären können, wie. Auch Kanzler Stocker konnte jüngst nur einen einigermaßen unbeholfenen Hilferuf in Richtung Brüssel senden.

Wir geben zunächst zu Protokoll: Unsere Mandantin Merit-Order ist nicht allein schuld an den hohen Strompreisen. Wenigstens die Umsatzsteuer und der Netztarif sollten neben ihr auf der Anklagebank sitzen. Mag sein, dass die Umsatzsteuer nur ein Mitläufer ist, doch den Netztarif und seine Hintermänner sollte man dringend dem Tageslicht aussetzen.

Wo unsere Mandantin war, als im Gefolge des Irankriegs die Gaspreise stiegen? Sie war an der Strombörse und hat dafür gesorgt, dass die Lichter nicht ausgehen. Wie an jedem Tag hat sie Anbieter und Nachfrager sortiert und sichergestellt, dass der Strom nicht teurer ist, als er sein muss. Sobald sie einem Gaskraftwerk den Zuschlag gibt, weil die Sonne nicht scheint, der Wind nicht weht und die deutschen Atomkraftwerke nur noch so viel produzieren wie Zwentendorf, machen die günstigeren Anbieter höhere Gewinne. So wie in jedem anderen Markt auch. Dass wir immer noch auf Gas angewiesen sind, ist nicht die Schuld der Merit-Order. Ihr Verbrechen besteht nur darin, eine Botschaft zu transportieren: Ihr produziert nicht genug günstigen Strom! Ihr braucht euer Backup erstens zu oft und ihr habt zweitens nicht dafür gesorgt, dass ihr zu günstigen Preisen ausreichend davon habt. Wer seine eigenen Gasreserven im Weinviertel nicht anzapfen will, der muss eben die Preise zahlen, die am Weltmarkt aufgerufen werden. Sonst legen die LNG-Tanker nicht in Rotterdam an, sondern in Shanghai.

Wer nun die Merit-Order hängen sehen will, muss erklären, wie der Strommarkt stattdessen aussehen sollte. Ein Gebotspreisverfahren, bei dem die Erneuerbaren zwangsläufig immer teurer anbieten würden als bisher? Oder soll lieber gleich der Staat wieder die Strompreise festlegen wie in der guten alten Zeit? Mit diesen Varianten, liebe Geschworenen, hätten wir an jedem halbwegs normalen Tag seit der Strommarktliberalisierung vor 25 Jahren sehr viel mehr bezahlt.

Die Merit-Order existiert in den meisten liberalisierten Strommärkten. Dass der Strom zum Beispiel in den USA viel günstiger ist als bei uns, kann also gar nicht an der Merit-Order liegen. Gas und Öl sind dort einfach unschlagbar günstig, während unsere Backup-Technologie extremen Preissprüngen ausgesetzt ist. Außerdem bereichert sich der Fiskus dort weniger am Grundbedürfnis Energie als bei uns.

In Österreich haben die Versorger vor allem die Aufgabe, dem Staat die Taschen zu füllen.

Sie verkaufen artig an der Börse und vervielfachen ihre Gewinne, statt auf direktem Wege mit Kampfpreisen den Markt aufzurollen. Dass die CEOs dann wegen Veruntreuung ins Gefängnis müssten, gehört ins Reich der Legenden. Es ist einfach politisch nicht gewünscht. Deshalb besuchen sich die staatlichen Eigentümer gegenseitig in ihren Aufsichtsräten, um sicherzustellen, dass der Status quo hält und die anstrengungslosen Dividenden verlässlich in die öffentlichen Budgets tröpfeln.

Für die Politik ist die Geschichte unangenehm. Und deshalb tut sie das, was alle tun: Sie zeigt mit dem Finger auf unsere Mandantin, die Merit-Order. 
Wir plädieren für einen Freispruch. 

(Erstmals erschienen am 21. März 2026 in “Die Presse”) 

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