Einwurf. Das Rechenzentrum in Kronstorf schlägt Wellen. Es brauche zu viele Ressourcen, schaffe aber kaum Arbeitsplätze.
Die Österreicher lieben ihr Wasser. Woher Wien sein sagenhaft reines Wasser bekommt, ist sogar eine Frage im Einbürgerungstest. Und nun erdreistet sich Google, seine schnöde Serverfarm im oberösterreichischen Kronstorf mit dem wertvollen Nass aus der Enns zu kühlen?
Längst formieren sich farbenfrohe Proteste auf dem Acker, auf dem sich Google mittlerweile seit bald 20Jahren an einer Investition in den österreichischen Wirtschaftsstandort versucht. „We can’t drink data“, brachte es ein KPÖ-Plakat geistreich auf den Punkt. Die Kommunisten entdecken bekanntlich immer dann ihren grünen Daumen, wenn es gegen die bösen Imperialisten geht.
Der Washingtoner Blogger Andy Masley, der sich mit dem Aufdecken der Doppelbödigkeit solcher Proteste einen Namen gemacht hat, rechnet vor, dass die Golfplätze in den USA mehr als dreißig Mal so viel Wasser brauchen wie alle US-Rechenzentren zusammen. Seit Sie diesen Text lesen, sind in Kronstorf 12.000 Liter Wasser in den Kühlkreislauf geflossen; seitdem hat die Enns aber zwölf Millionen Liter vorbeigespült. Es gibt dazu ein Gutachten und eine wasserrechtliche Bewilligung.
Was zählt, ist das Gefühl
Auch die Lichter werden nicht ausgehen, sobald Google am Netz ist. Der staatliche Netzbetreiber APG hat die Sache durchgerechnet und hält den zusätzlichen Stromverbrauch von 1,3 Terawattstunden pro Jahr für machbar; schließlich rechnet auch die Voest nebenan in Terawattstunden. Und dass der Flächenfraß beim neu gebauten und genauso großen DM-Verteilzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft in Kronstorf niemanden auf die Straßen gebracht hat, muss wohl daran liegen, dass dort demnächst über 500 Lkw pro Tag entlangdonnern werden.
Aber lassen wir das mit den Argumenten. Was zählt, ist das Gefühl. In die Proteste mischen sich alle Arten von Technologieskepsis, Zukunftsangst, Reichenhass, Antiamerikanismus und Isolationismus.
Die Maschinenstürmer
Die Maschinenstürmer des 19.Jahrhunderts waren wenigstens ehrlich: Sie fürchteten um ihre Jobs und hatten Angst vor den qualmenden neuen Technologien, die sie nicht verstanden. Die Maschinenstürmer von heute bemänteln ihre Sorgen (sogar die berechtigten) mit ökosozialen Scheinargumenten, statt Klartext zu reden.
Als Gesellschaft sollten wir immer dann für eine Sache sein, wenn die Vorteile der Gewinner ausreichen, um die Nachteile der Verlierer in Summe zu kompensieren. Über die Vorteile allerdings redet derzeit niemand. Dabei wird in den Rechenzentren etwas produziert, was wir alle in Anspruch nehmen.
Eine Gesellschaft, in der nur noch jeder Vierte in der Industrie arbeitet, müsste eigentlich längst begriffen haben, dass auch immaterielle Güter hergestellt werden müssen und materielle Güter Vorleistungen benötigen können.
Über Vor- und Nachteile der Rechenzentren kann man trefflich diskutieren. Über die Kostenwahrheit der Digitalisierung wurde jedenfalls viel gelernt – gebaut wird nun natürlich trotzdem.
Doch die NGO Global 2000 fordert nach New Yorker Vorbild ein Moratorium für den Bau weiterer Rechenzentren in Österreich. So könnte die Chance, dass wir im Datenzeitalter noch einmal eine Rolle spielen werden, bald auf dem Grund der Enns ruhen. Ohne eigene Rechenpower traumwandeln wir einmal mehr in die Fremdbestimmtheit.
(Erstmals erschienen am 25.07.2026 in “Die Presse”)
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