Corona

Wir wissen, dass wir zu wenig wissen

Es gibt keine vernünftige Strategie zum Umgang mit öffentlichen Daten.

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Der Ausspruch, der Komödianten wie Physikern zugeschrieben wird, klingt dieser Tage besonders aktuell. Es ist schwierig, genau zu wissen, wie das dritte Quartal 2020 oder das Jahr 2021 verlaufen wird.

Dieser Tage hat sich etwa die EU-Kommission an ihrer Frühjahres-Prognose über den Wirtschaftsverlauf 2020/2021 versucht. Und sie liest sich düster. Der tiefste Einbruch der europäischen Wirtschaftsleistung in der Nachkriegszeit, stark steigende Arbeitslosigkeit. Doch ob es so kommt, ist noch immer höchst ungewiss. Erhebliche Risiken bestehen nach wie vor.

Denn auch die Daten und Zahlen, die wir über das Jetzt haben, sind unsicher. Zwar scheint die erste Welle an Infektionen in den meisten europäischen Ländern abzuflauen, laut ECDC sind am 5.5. weniger als 10.000 neue Fälle in Europa registriert worden, so wenige Infektionen wie seit Mitte März nicht mehr, doch Testhäufigkeiten zwischen Ländern sind zum Teil sehr unterschiedlich. Wirtschaftlich ist zwar klar, dass Unternehmen Investitionen zurückfahren und das Instrument der Kurzarbeit auf breiter Front einsetzen, doch genaue, harte Daten werden erst mit einiger Verzögerung verfügbar sein. Der Stromverbrauch legt jedenfalls nahe, dass die Rezession sehr tief ist, wie etwa eine aktuelle Studie der Agenda Austria zeigt. Und Daten zur Mobilität lassen vermuten, dass die Quarantäne eingehalten wurde und die Handelsumsätze dementsprechend niedrig ausfallen werden.

In dieser Krise zeigt sich denn auch die Datenkrise in Österreich. Es gibt keine vernünftige Strategie zum Umgang mit öffentlichen Daten.

In dieser Krise zeigt sich denn auch die Datenkrise in Österreich. Es gibt keine vernünftige Strategie zum Umgang mit öffentlichen Daten. Antiquierte Vorstellungen von Datenschutz und „Amtsgeheimnis“ stehen zwischen Forschung und den Erkenntnissen. Was für die Sterbestatistik gilt oder für die Infektionszahlen, gilt ebenso für die Zahlen der Kapazitäten in Krankenhäusern oder budgetrelevanten Daten von den Gemeinden bis zum Bund. Und das ist ein Problem. Gute (Wirtschafts-)Forschung und Politikberatung ist von guten Daten abhängig, der Zugang wird aber regelmäßig versperrt.

Umso mehr, als ein bemerkenswerter Satz von Finanzminister Blümel etwas für sich hat: In dieser Krise „ist nur eines klar: Dass nichts klar ist und die Situation täglich neu bewertet werden muss“. Es gibt kaum historische Erfahrungen, um den Pandemie-Effekt auf die Wirtschaft abzuleiten. Aber das bedeutet umso mehr, dass ein offener Zugang zu Daten eine Grundvoraussetzung ist, um zu erfahren, ob Instrumente wie Kurzarbeit oder Kreditgarantien dort ankommen, wo sie benötigt werden. Die große Unsicherheit bei jeder Prognose heißt im Umkehrschluss, dass bessere Daten wertvoll wären, um ein klareres Bild zu bekommen.

Ein gläserner Staat ist eine wichtige Grundvoraussetzung für die Erholung. Transparenz entzieht unsäglichen, grassierenden Verschwörungstheorien jede Basis und schafft Vertrauen in Institutionen, gerade wenn es dringend notwendig ist. Wegen der Gefahr einer zweiten Welle erfordert das „Hochfahren“ einer hochkomplexen Wirtschaft viel gegenseitiges Vertrauen. Das ist viel wichtiger als jede positive Prognose.

Kolumne von Lukas Sustala in der „Wiener Zeitung“ (08.05.2020)



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Wir wissen, dass wir zu wenig wissen / 08.05.2020
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