Was seit dem Frühjahr erwartet wurde, ist fix: Christine Lagarde verlässt die Europäische Zentralbank im Februar 2027, acht Monate vor dem eigentlichen Ende ihrer Amtszeit. Warum? Weil sie frei sprechen wolle, neutral bleiben könne sie nicht.
Gemeint ist die Präsidentschaftswahl in Frankreich im kommenden April. Für eine Institution, deren wichtigstes Kapital ihre Unabhängigkeit ist, wirft das zwei Fragen auf.
Erstens: Wie unabhängig kann eine Notenbankchefin sein, die ihr Amt räumt, um sich in die Schlussphase eines nationalen Wahlkampfs einzumischen? Bis Ende Februar leitet schließlich eine Präsidentin die Zinssitzungen, die sich selbst aufgrund des bereits laufenden Wahlkampfs in Frankreich nicht mehr für neutral hält. Und das ausgerechnet, während Frankreich das Sorgenkind der Eurozone ist. Heute Leitzins, morgen Wahlkampf.
Zweitens: Mit dem Abgang wird auch die Nachfolge vorgezogen. Schon im Winter wollen die Staats- und Regierungschefs entscheiden, also noch mit Macron am Tisch und nicht mit dem zukünftigen französischen Wahlsieger. Wäre die EZB so unabhängig, wie sie betont, müsste es dann nicht gleichgültig sein, wer ihre Spitze bestellt? Dass man den Zeitpunkt so genau wählt, zeigt: Es sollen nun doch die „richtigen“ Politiker entscheiden, dass nicht die falsche politisch-unabhängige Person die Geschäfte der Zentralbank übernimmt.
Gerade jetzt hätte die EZB beweisen können, dass sie politisch unabhängig ist, mit einer Präsidentin, die sich ganz der Inflationsbekämpfung widmet. Denn die EZB trägt eine Mitschuld an den hohen Staatsschulden und Inflationsproblemen vieler Euroländer: Jahrelang hat sie mit Nullzinsen und Anleihekäufen den Druck von den Regierungen genommen, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Madame Lagarde wählt jedoch lieber den Wahlkampf in Paris als den Kampf um stabiles Geld.
(Erstmals erschienen am 6. November 2026 in “Kleine Zeitung”)
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