Die Universitäten bekommen um 45,5 Prozent mehr Geld als noch vor sieben Jahren. So etwas läuft in Österreich unter dem Titel „kaputtsparen“.
Am Donnerstagabend zogen Studenten, Professoren und Universitätsbedienstete durch die Wiener Innenstadt, um ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. Erfreulicherweise brannten bei der Demonstration keine Mülltonnen, es wurden auch keine Geschäfte ausgeräumt und der Eiserne Ritter auf dem Wiener Rathausturm steht immer noch dort, wo er hingehört. Das ist dieser Tage keine Selbstverständlichkeit mehr. Was die Demonstranten so aufregt? Die Regierung hat den Hochschulen für die Jahre 2028 bis 2030 „nur“ 16 Milliarden Euro zugesagt, die Universitätenkonferenz spricht von einem „Katastrophenbudget“. Nach Abzug der Inflation sei das nämlich eine reale Kürzung von zehn Prozent.
Das ist eine bemerkenswerte Argumentationslinie, zumal sie die teils explosionsartigen Budgetsteigerungen der jüngeren Vergangenheit großzügig ausblendet. Zum Beispiel jene der Periode 2025 bis 2027: Für diese drei Jahre wurden den Unis 16,1 Milliarden Euro zugesprochen, um fast vier Milliarden Euro oder 31 Prozent (!) mehr als in den drei Jahren zuvor. Der damalige Wissenschaftsminister Martin Polaschek rechtfertigte die fette Aufstockung als „klares Bekenntnis der Bundesregierung zu einem starken und wettbewerbsfähigen Standort Österreich“. Und das zu einem Zeitpunkt, als sich das finanzielle Debakel im Staatshaushalt bereits abzeichnete.
Korrigiert wird dieser Budgetrausch nun ausgerechnet von zwei Sozialdemokraten: Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner und Finanzminister Markus Marterbauer haben völlig recht damit, den Unis das Budget ab 2028 einzufrieren. Und ja, das ist ein reales Minus. Aber nur gegenüber dem Ausgabenexzess der Jahre 2025 bis 2027, der offenbar als neuer Standard gilt. Und selbst mit dem eingefrorenen Budget haben die Unis noch immer um 45,5 Prozent mehr Geld als 2021, nach Abzug der Inflation bleibt ein Plus von knapp vier Prozent.
Von solchen Zuwächsen können steuerzahlende Haushalte nur träumen. Österreich steckt in einer schweren Wachstumskrise, die reale Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt noch immer unter dem Niveau von 2019. Die Menschen sind nicht wohlhabender geworden, die Unis schon. Dennoch glauben die Vertreter der Hochschulen, der zahlenden Bevölkerung ausrichten zu müssen, sie hätten es mit einem „Katastrophenbudget“ zu tun.
Wie wäre es damit, Prioritäten zu setzen? Jedes Unternehmen, das mit weniger Geld auskommen muss, tut das. Nur an den Universitäten scheint das Angebot wachsen zu müssen, unabhängig vom wirtschaftlichen Umfeld. Dabei gäbe es gute Gründe, kleiner zu werden, wie der Demograf und Migrationsforscher Rainer Münz zeigt: Den Hochschulen kommen die heimischen Studierenden abhanden. Die Zahl der österreichischen Studienanfänger ist von rund 32.000 im Studienjahr 2010 auf zuletzt 20.000 gesunken. Hätte man da nicht die Kapazitäten zurückfahren müssen? Klar. Die Unis aber haben stattdessen die leeren Plätze mit ausländischen Studenten aufgefüllt. Gelockt wird mit niedrigen Einstiegshürden, Unterricht in englischer Sprache und einem de facto kostenlosen Studium. Das zieht.
Mittlerweile haben 60 Prozent aller Studienanfänger keinen österreichischen Pass. „Aus betriebswirtschaftlicher Binnensicht der Universitäten ist diese Vorgangsweise rational, denn ein Rückgang der Studierenden würde früher oder später zu einem kleineren Anteil am Hochschulbudget des Bundes führen. Volkswirtschaftlich sieht das anders aus: Mit der weitgehend kostenlosen Ausbildung entlasten die heimischen Steuerzahler die Bildungsbudgets anderer Staaten“, wie Münz punktgenau analysiert.
Die Studentenvertreter haben bereits eine Lösung für die Budgetnöte gefunden: Sie fordern Erbschaftssteuern. Damit Marie und Konstantin endlich „antifaschistische Ökonomie“ studieren können? Ausgerechnet an der Wirtschaftsuniversität Wien wird bereits an einem entsprechenden Studienzweig gearbeitet. Wir führen also Erbschaftssteuern ein, damit Studierende an der führenden Wirtschaftsuni des Landes lernen, warum es noch höhere Erbschaftssteuern braucht.
Es ist höchste Zeit für einen Kurswechsel. Die Unis sollen jene Studien forcieren, die eine Volkswirtschaft weiterbringen. Wer „kritische Männlichkeitsforschung“ und „postkoloniale Feminismen“ für unverzichtbar hält, kann das gerne studieren, sollte aber selbst für die Kosten aufkommen. Die Universitäten müssen sich entscheiden, worin sie wirklich gut sein wollen: Spitzenforschung und erstklassige Lehre entstehen durch Konzentration, nicht durch die Gießkanne. Dafür geht nur leider niemand auf die Straße.
(erstmals erschienen am 24. Oktober 2026 in “Die Presse)
Beiträge zur Gesamtinflation, in Prozentpunkten, bis September 2026
Wenn es um die Inflation geht, schauen alle auf die Spritpreise. Diesel und Heizöl haben die Inflation im September auf 3,6 Prozent getrieben.
Einkommen österreichischer Pensionisten im EU-Vergleich mit Erwerbstätigen
Irgendwann schlage die Mathematik die Ideologie, sagte AMS-Chef Johannes Kopf zuletzt in der ORF-„Pressestunde“ und sprach sich für ein höheres Pensionsantrittsalter aus.
Bruttoschulden des Gesamtstaats, in Prozent des BIP
Zweimal im vergangenen Jahrhundert schossen die Staatsschulden der Industrieländer nach oben: im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. 1946 lagen sie bei 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute sind es rund 113 Prozent.
Index (2015 = 100), je geleisteter Arbeitsstunde, bis 2026.
Die Löhne sind seit 2019 kräftig gestiegen - auch wenn man die starke Inflation berücksichtigt.
Energiekrisenmaßnahmen, kumuliert bis inklusive 2025, in Milliarden Euro
Fast 17 Milliarden Euro hat der österreichische Staat seit 2022 ausgegeben, um die Folgen der Energiekrise abzufedern. Allein im Jahr 2022 waren es 8,3 Milliarden.
Ausgaben für Bildungseinrichtungen nach Bildungsstufe, in Prozent des BIP, im Jahr 2023
Während wir bei den Hochschulen fast an der europäischen Spitze liegen, geben wir für frühkindliche Bildung weniger aus, als die meisten EU-Länder. Dabei entscheidet sich genau in den ersten Jahren, ob Kinder später mithalten können. Wir sparen dort, wo jeder Euro am meisten bewirken würde und sind dort großzügig, wo mithilfe von Studieng
Gegründet um das Land in wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Belangen zu öffnen und neue Antworten auf die großen Herausforderungen zu liefern.
Lernen Sie uns kennenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen