Österreich, das bessere Deutschland?

Vor 12 Jahren, im Juni 2005, schaffte es Österreich als Vorbild und Reform-Musterland auf das Cover des deutschen Magazins „Stern“. Deutschland galt hingegen als „der kranke Mann Europas“.

Im Wettbewerbs-Ranking des International Institute for Management Development (IMD) lag Österreich damals auf dem 17. Platz, Deutschland auf dem 21. Platz. Seitdem hat sich unser großer Nachbar im Norden in den Standortrankings Jahr für Jahr sukzessive nach oben gearbeitet.

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1. Was denken Sie, wie hat sich Österreichs Platzierung im Wettbewerbs-Ranking des IMD seit dem Jahr 2005 entwickelt?

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Österreich liegt in den Standortrankings also nur noch im Mittelfeld. Auch Kennzahlen wie etwa das Wachstum pro Kopf oder die Arbeitslosenquote zeigen, dass unser Land längst nicht mehr dort steht, wo es sich einst als Musterland profilieren konnte.

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Strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt

…sind in Deutschland gegenwärtig geringer als in Österreich. Das ist nicht zuletzt durch die umfangreichen Reformen Anfang der 2000er-Jahre erklärbar. Damals wurden in Deutschland die Weichen hin zu einem gut funktionierenden, flexiblen Arbeitsmarkt gestellt.

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2. Bitte schätzen Sie, wie sich die Arbeislosenquote in Österreich im Vergleich zu Deutschland seit 2005 entwickelt hat:

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Während in Deutschland die Arbeitslosenquote seit 2004 beständig zurückgeht, zeigt sich in Österreich ein gegenläufiger Trend: Hierzulande steigt sie seit 2011.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit geht außerdem mit einem Zuwachs der offenen Stellen pro Arbeitssuchendem einher. Die Gründe hierfür reichen von fehlender Qualifikation der vorhandenen Arbeitskräfte bis hin zu fehlenden Arbeitsanreizen.

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3. Was denken Sie, welchen Platz nimmt Österreich heute im Wettbewerbs-Ranking für den Arbeitsmarkt im Vergleich zu Deutschland ein?

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Österreich sollte von Deutschland lernen: Das Arbeitslosengeld und die bedarfsorientierte Mindestsicherung bei einer zentralen Stelle zusammenlegen, das Arbeitslosengeld staffeln und weitere Arbeitsanreize setzen – etwa durch eine Deckelung der Leistungen oder eine Änderung der Zuverdienstgrenzen.

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Nachhaltige öffentliche Finanzen?

Ein weiterer wichtiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind die öffentlichen Finanzen. Das Wettbewerbs-Ranking des IMD bewertet, wie nachhaltig die Struktur der öffentlichen Finanzen ist und wie effizient diese verwaltet werden.

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4. Bitte schätzen Sie, wie Österreich im Vergleich zu Deutschland im IMD-Ranking für „Öffentliche Finanzen“ abschneidet:

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Die öffentlichen Finanzen nehmen maßgeblich Einfluss auf die wirtschaftliche Gesamtsituation eines Landes. Die Staatsquote, also der Anteil öffentlicher Ausgaben in Prozent des BIPs, beträgt in Österreich über 50 Prozent und liegt damit höher als in Deutschland. Dazu tragen das Sozialsystem und darin vor allem die Pensionen ganz wesentlich bei.

Deutschlands Wirtschaft ist im Vergleich zu Österreich stärker marktwirtschaftlich ausgerichtet und die föderale Ordnung sowie das Sozialsystem setzen auf mehr Eigenverantwortung. Die staatlichen Interventionen in Deutschland fallen weniger ins Gewicht und Schulden werden dort nicht, wie hierzulande, immer weiter angehäuft, sondern im Gegenteil abgebaut.

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5. Was denken Sie, wie hat sich die Schuldenquote in Österreich in den letzten Jahren entwickelt?

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Anders als in Deutschland ist Österreichs Bundeshaushalt seit 1962 ohne Unterbrechung im Minus. Dementsprechend hat sich auch die öffentliche Verschuldung Österreichs und Deutschlands unterschiedlich entwickelt.

Um die zu hohe Staatsverschuldung in Zukunft deutlich konsequenter und nachhaltiger abzubauen, braucht Österreich eine noch verbindlichere Ausgabenbremse. Außerdem sollten die Bundesländer mehr Verantwortung für ihre Finanzen übernehmen müssen und sich nicht mehr nur auf den Bund verlassen.

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Schlussfolgerungen

Seit dem Jahr 2005 hat sich viel verändert. Ein Vergleich der beiden Wirtschaftsstandorte Österreich und Deutschland fällt längst nicht mehr zugunsten unseres Landes aus.

Heute würde niemand mehr von einem „besseren Deutschland“ reden und damit Österreich meinen – im Gegenteil: Aussagen über die Schwachpunkte der deutschen Wirtschaft Mitte der 2000er-Jahre lesen sich heute wie eine aktuelle Österreich-Analyse.

Österreich sollte von Deutschland lernen, seine Schwachpunkte zu bearbeiten, um damit auch wieder attraktiver für Unternehmen und den Wertschöpfungsprozess zu werden – und auf diese Weise das Sozial- und Pensionssystem auf eine solide finanzielle Basis zu stellen.

Eine detaillierte Analyse finden Sie in unserer Studie „Warum Österreich nicht mehr das bessere Deutschland ist